Die Kommunalwahlen in Bosnien-Herzegowina am morgigen Sonntag werden wie immer wenig spektakulär verlaufen. Die Religion und nicht politische Programme prägen Wähler, Politiker und Ergebnisse.

Die tief verfeindeten Muslime, Serben und Kroaten wählen nur ihre Politiker, religionsübergreifend wählt niemand. Daher sind die Ergebnisse schon vor der Wahl bekannt: Dort, wo die drei Völker jeweils die Mehrheit besitzen, bleiben auch ihre Repräsentanten am Ruder - unabhängig von der überall bestimmenden Korruption, der wirtschaftlichen Trostlosigkeit und der sozialen Not. Auch 17 Jahre nach dem Bürgerkrieg (1992-1995) schaffen es die Spitzenpolitiker immer noch, ihren Wählern Angst vor der jeweils anderen Nation einzujagen.

Ganz anders ist die Lage im ostbosnischen Srebrenica, wo serbische Verbände 1995 bis zu 8000 muslimische Jungen und Männer ermordet hatten, was von internationalen Gerichten als Völkermord eingestuft worden war.

Vor dem Krieg wohnten in dem von Serben bis auf die Grundmauern zerstörten Ort 37 000 Menschen. Knapp 80 Prozent von ihnen waren muslimische Bosniaken, der Rest Serben.

Heute leben nur noch geschätzte 5000 Menschen in der leidgeprüften Gemeinde, 3000 Bosniaken, 2000 Serben. Doch das Wählerverzeichnis enthält 14 090 Namen von Bürgern, die wahlberechtigt sind. Ein großer Teil von ihnen sind Serben, die sich in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten hier nur pro forma angemeldet hatten, aber niemals in Srebrenica lebten. In jüngster Zeit haben sich auch mit internationaler Hilfe schätzungsweise 2000 Muslime wieder in ihrer ehemaligen Heimatstadt registrieren lassen, die sie nach dem Krieg verlassen hatten, um den Horror zu vergessen.

Die muslimischen Bosniaken befürchten, dass am Sonntag erstmals die Serben die Kommunalverwaltung erobern könnten. Das ist schließlich das erklärte Ziel ihrer Bürgermeisterkandidatin Vesna Kocevic, die als Wirtschaftsexpertin in der Stadtverwaltung arbeitet. Denn das Sondergesetz für Srebrenica, wonach wegen des Völkermordes vor 17 Jahren nur ein Muslim Bürgermeister werden darf, gilt bei der anstehenden Wahl erstmals nicht mehr.

"Niemand darf die Stadt führen, der den Genozid leugnet, die Täter dürfen nicht die Opfer führen", lautet das Credo von Camil Durakovic, auf den sich alle muslimischen Parteien als Bürgermeisterkandidat geeinigt haben. Denn Milorad Dodik, der Präsident der serbischen Landeshälfte in Bosnien, hat erst vor ein paar Tagen wieder den Völkermord in Srebrenica bestritten.

Srebrenica liegt in der serbisch kontrollierten Landeshälfte. Es gebe keine Kollektivschuld, sagt dagegen die serbische Spitzenkandidatin Kocevic. Auch Srebrenica müsse wieder nach demokratischen Regeln regiert werden: "Eine Person, eine Stimme", laute der Grundsatz. Die Serben wollen mit der Wahl endlich aus der Schmuddelecke treten. "Es ist bis heute immer das gleiche falsche Thema", klagt der serbische Pfarrer Aleksandar Mladjenovic. "Wie im schlechten Cowboy- oder Gangsterfilm sind die Serben immer die Bösen, die bestraft werden müssen."