Philbert ist Taxifahrer in Madagaskars Hauptstadt Antananarivo - von Insidern schlicht Tana genannt. Es ist das letzte große Biotop für französische Kult-Autos der Typen Renault 4, Peugeot 203 oder Citroëns legendäres "Gangster-Auto" Traction Avant. Philberts Taxi ist ein 26 Jahre alter 2CV: das Blechkleid in makellosem Beige, das Stoffdach wie ein aufgerolltes Sardinendosen-Blech vorne leicht geöffnet, darüber ein knallgelbes Taxi-Schild.
Was auf Europas Straßen längst zum nostalgisch verklärten Oldtimer geworden ist, stellt in Tana das Rückgrat der auf knapp 8000 Autos geschätzten Taxi-Flotte. Fast die Hälfte davon sind die in Europa längst aus dem Straßenbild verschwundenen R4-Modelle von Renault und die 2CV-Ente. Daneben gibt es in der einstigen französischen Kolonie noch eine große Bandbreite an Taxen der Modelle R 5, R 12 oder Peugeot 204. Es sind ausgemusterte Fahrzeuge aus Belgien, Frankreich und den Niederlanden, die auf der Afrikas Ostküste vorgelagerten viertgrößten Insel der Welt ihr Comeback feiern.
Philberts Ente hat vier Millionen Ariary gekostet, das sind umgerechnet 1500 bis 1750 Euro. Sie ist eine der sieben Millionen Exemplare aus der 2CV-Familie, die bis zur Produktionseinstellung im portugiesischen Zweigwerk am 27. Juli 1990 gebaut wurden. "Mein, Dö'schwoh' ist Baujahr 1980 - aber noch recht flott! Und es ist zudem die Sonderausführung 2CV 6 Spécial", sagt der stolze Besitzer. Damit verfügt der Wagen auch schon über Anschnallgurte. Unklar ist dagegen die Zahl der bereits gefahrenen Kilometer. Ginge es nach dem Tachostand, wäre das Gefährt mit lauter Nullen noch recht jungfräulich. Die Tacho-Nadel funktioniert auch nicht mehr - doch der 24-PS-Zweitakter unter der Motorhaube ist eh nicht für schnelle Spurts geeignet.
Das Risiko einer Geschwindigkeitsübertretung ist in Antananarivos hektischem Verkehr auch überschaubar. Erst auf einer Ausfallstraße funktioniert die "Klimaanlage": eine frische Brise weht durch das vorne angehobene Stoffdach. Nach kaum 500 Metern ist jedoch bereits Schluss mit dem Spaß. Mit klackerndem Blinker rollt die Ente an den Straßenrand: Tankpause! Routiniert holt Philbert eine Ein-Liter-Wasserflasche mit Benzin aus dem Kofferraum und flößt der Ente neuen "Lebenssaft" für mindestens weitere 20 Kilometer ein - auf dem vom Mangel gezeichneten Madagaskar wird in anderen Dimensionen gerechnet.
Bevor sich der Auto-Klassiker mit den charakteristisch frei stehenden Lampen neben der Fronthaube wieder schlingernd in die Kurve legt, legt Philbert noch schnell eine Bob-Marley-Kassette ein. "Die war ebenso wie die Scheibenwischer-Spoiler im Kaufpreis enthalten", sagt der Enten-Lenker grinsend, als er einem Ochsenkarren ausweicht. Für Philbert bot das Kultobjekt mit der Oldtimer-Aura einen preisgünstigen Einstieg ins Taxi-Geschäft. Dass das Einfach-Auto mit den feldbettähnlichen Stoffsitzen einst der Traum ganzer Wohngemeinschaften war, ist ihm bewusst. "Wenn ich Touristen am Flughafen abhole, gibt es stets Begeisterungsschreie und Foto-Orgien", erzählt der stolze Enten-Besitzer lachend.