Es war ein Juli-Abend, eine Stunde vor Mitternacht, als Zollbeamte der Mobilen Kontrollgruppe Guben in der Nähe von Forst einen Pferdetransporter unter die Lupe nahmen. Der irische Fahrer und sein 16-jähriger Sohn gaben an, Pferde von Polen nach Irland zu bringen. Zwei der edlen Traber befanden sich auch in dem Spezialhänger. Jedoch nicht nur sie. In Hohlräumen des Transporters reisten mit den Gäulen auch 1,17 Millionen unversteuerte Zigaretten. Verhinderter Steuerschaden 130 000 Euro.
Dagegen nehmen sich Funde wenige Tage vorher in Sachsen fast bescheiden aus. Nur rund 260 000 illegale Glimmstengel holten die Zöllner am Grenzübergang Podrosche in der Nähe von Bad Muskau aus einem präparierten Kleintransporter. Ebenso viele hatte ein Lkw in seiner doppelten Rückwand, als er bei Wilsdruff auf der Bundesautobahn 4 gestoppt wurde. Durch Nachmessen des Kastenaufliegers von außen und der Ladefläche innen kamen die Beamten dem Versteck auf die Spur.

Fantasie kennt keine Grenzen
Gleich zwei Millionen Zigaretten schnappten die Beamten Ende Juni auf der A 12 bei Frankfurt (Oder) Ein Lkw hatte angeblich Einweggeschirr geladen. Doch das war nur in den äußeren Kartons. Die in der Mitte gestapelten Verpackungen enthielten Zigaretten. Als Tarnung solcher Transporter dient alles, was von der illegalen Fracht ablenkt: Haselnusskerne oder Styroporplatten, T-Shirts, lose geschüttete Schamottsteine. Im Februar wurden zwei lebensgroße Bisonfiguren, gefüllt mit 182 000 Zigaretten über die polnische Grenze nach Brandenburg gebracht.
Dass die Fantasie der Schmugglerbanden keine Grenzen kennt, zeigten sie an der Ostsee. Dort stoppten Zollfahnder einen Kutter, der vier Schleppnetze hinter sich durch das Meer zog. Gefüllt waren die Netze nicht mit Fisch, sondern mit wasserdicht verpackten Zigaretten.
Sogar Särge dienten schon als Schmuggelversteck für Glimmstängel ohne Steuerbanderole. Den wohl größten Fang machten Hamburger Zollbeamte vor wenigen Tagen. In einem Container, der Kartons mit Koffern aus Shanghai enthalten sollte, fanden sie 8,5 Millionen Zigaretten.
Seit Abschaffung der Grenzkontrollen mit der EU-Osterweiterung 2004 hat bundesweit das illegale Zigarettengeschäft zugenommen. Die meisten geschmuggelten Tabakwaren werden in der Ukraine hergestellt. Die polnische und tschechische Grenze von Mecklenburg-Vorpommern bis zur Oberlausitz ist deshalb Schmugglergebiet, wenn auch mit regionalen Unterschieden. „Hier kommen immer mehr Zigaretten über die tschechische Grenze, an der polnischen geht es etwas zurück“ , sagt Grit Zötzsche vom Hauptzollamt Dresden. Das belegen Zahlen der Mobilen Kontrollgruppe Zittau, die auch tschechische Schmuggel-Routen im Auge hat und 2005 rund 2,6 Millionen Zigaretten beschlagnahmte, mehr als doppelt so viel wie 2004. In den ersten sechs Monaten 2006 war es bereits wieder eine Million. In Görlitz gingen die Funde dagegen seit Jahresbeginn leicht zurück.
Nach Auskunft einer Zollfahnderin in Görlitz, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte, wird in der Oberlausitz Schmuggelgut nicht selten zu Fuß über die bequem zu durchwatende Neiße gebracht. „Das ist ein lukratives Geschäft, da werden Millionen verdient“ , sagt die Fahnderin. Dass nur ein kleiner Teil der illegalen Einfuhr entdeckt wird, kann sie verkraften: „Das ist unser Job, damit müssen wir leben. Wir haben aber den Ehrgeiz, so viel wie möglich zu erwischen.“ Seit Jahresbeginn waren das allein bei der Mobilen Kontrollgruppe in Görlitz mehr als eine Million Glimmstängel.
Bei der Zollfahndung Berlin-Brandenburg werden die Kleintransporte im „Ameisenverkehr“ auch nicht unterschätzt. „Das summiert sich, da kommt in jedem Jahr eine große Menge zusammen“ , sagt Pressesprecherin Katja Kempe. Die Autobahn 12, die von Polen direkt nach Berlin führt, bringt jedoch auch immer mehr „Großaufgriffe“ in präparierten Lkw. Im Hauptzollamtsbereich Frankfurt (Oder), der von Schwedt bis Spremberg und in den Elbe-Elster-Kreis reicht, wurden seit Januar insgesamt rund 34,5 Millionen Zigaretten aus diversen Verstecken gezogen, etwa ebenso viel wie im Vorjahreszeitraum. Beteiligt waren daran die Mobilen Kontrollgruppen aus Guben und Cottbus.

Mit giftigen Schwermetallen belastet
Der Verband der Cigarettenindustrie (VDC) schätzt, dass bundesweit fast schon jede fünfte gerauchte Zigarette aus dem Schmuggel stammt. Dabei gilt: Je näher an der Ostgrenze, umso mehr illegale Glimmstängel. In Brandenburg wird der Anteil des „steuerfreien“ Rauchens in Nähe der polnischen Grenze auf rund 70 Prozent geschätzt. Die illegal ins Land gebrachten Zigaretten sind halb so teuer wie redlich erworbene, aber oft Fälschungen und deshalb mit giftigen Schwermetallen belastet. Das Geschäft ist bandenmäßig durchorganisiert: von der illegalen Großeinfuhr bis hin zum Einzel-Verkauf vor Supermärkten oder anderen festen Standorten.
Ohne großes Risiko wollte offenbar ein Deutscher am „Einsparen“ der Tabaksteuer mitverdienen. Seit 2002 hatte der Mann von der spanischen Insel Teneriffa aus über eine Seite im Internet unversteuerte Zigaretten angeboten und per Post an seine Kunden verschickt. Ende Juni verurteilte ihn das Amtsgericht Mannheim wegen gewerbsmäßiger Hinterziehung von Einfuhrabgaben zu zweieinhalb Jahren Haft ohne Bewährung.
An der deutsch-polnischen Grenze gehen derweil die Großaufgriffe illegaler Kippen weiter. Anfang August zogen Zollbeamte am Autobahnübergang in Frankfurt (Oder) hinter Papierpaletten eines polnischen Lasters 1,56 Millionen Schmuggelzigaretten hervor. Wenige Tage später fanden sie auf einem Lkw aus Weißrußland sogar 3,3 Millionen unversteuerte Glimmstängel. Das ist der bisher größte Fund in diesem Jahr an der polnischen Grenze. Aber das Jahr ist noch lang.