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Ihre Bilder erzählen von Flucht und Hoffnung

Workshop im Menschenrechtszentrum: Stev Vargas (M.) hilft Anisa, Souad, Zeynab und Emin (v.l.), ihre Gedanken zum Thema Flucht auf Papier zu bringen.
Workshop im Menschenrechtszentrum: Stev Vargas (M.) hilft Anisa, Souad, Zeynab und Emin (v.l.), ihre Gedanken zum Thema Flucht auf Papier zu bringen. FOTO: M. Helbig
Cottbus. Rauch, hohe Mauern und Stacheldraht, davor eine wartende Familie. Im Projekt "Kinder helfen Kindern – Krieg und Flucht gestern und heute" gestalten Cottbuser Jugendliche T-Shirts, mit denen die Flüchtlingshilfe im irakischen Kurdistan unterstützt wird. Die Motive: ihre eigenen Erlebnisse auf der Flucht nach Deutschland. Anja M. Lehmann

"Das war der schrecklichste Tag meines Lebens", sagt Souad. Das Mädchen aus Bagdad ging in die dritte Klasse, als ihre Eltern beschlossen, den Irak zu verlassen. "Meinem Vater wurde dreimal in den Kopf geschossen", erzählt das Mädchen ruhig. Für eine bessere medizinische Versorgung des Vaters verließ die Familie ihre Heimat. Die heute 14-Jährige vermisst ihre Freunde und Verwandten. "Meine Oma fehlt mir sehr, sie ist der wichtigste Mensch in meinem Leben", erzählt Souad.

Die Flucht aus einem von Bürgerkrieg zerrütteten Land verbindet die Schülerin der Sachsendorfer Oberschule Cottbus mit zwölf weiteren Flüchtlingskindern, die in dieser Woche im Menschenrechtszentrum (MRZ) Cottbus am Projekt "Kinder helfen Kindern - Flucht gestern und heute" teilgenommen haben.

"Wir bieten den Kindern einen geschützten Raum, in dem sie über ihre Erfahrungen sprechen können", sagt Sylvia Wähling, geschäftsführende Vorsitzende des Zentrums. Neben künstlerischen Workshops, bei denen unter anderem T-Shirt-Motive für ein Flüchtlingshilfsprojekt entstehen (siehe Infobox), erzählen sie von ihrer Heimat, dem langen Weg nach Deutschland, ihren Familien und Träumen.

Fähnchen zeigen auf einer großen Weltkarte, aus welchen Ländern die Schüler stammen: Die Schwestern Elina und Anisa aus Tschetschenien. Emin aus Aserbaidschan, Zeynab aus Afghanistan. Von dort stammen auch Milad und Masih. Die Brüder sind mit ihrer Mutter und zwei Schwestern aus Mazar e Sharif über die Türkei nach Deutschland geflohen. "Vater ist noch in Kabul", erzählt Milad.

"Viele Kinder haben Schreckliches erlebt, einige Familien alles verloren", sagt Sylvia Wähling und gibt zu bedenken: "Manche sprechen fünf Sprachen, ihre Eltern sind Lehrer, Ingenieure, Musiker, Ärzte. Dass Flüchtlinge ungebildete, arme Leute wären, ist ein Klischee und falsch."

Ob sie für immer in Deutschland bleiben werden, wissen Souad und die anderen noch nicht. Es liegt nicht in ihren Händen.

Zeynab fühlt sich in Deutschland wohl - auch wenn sie wegen ihres Kopftuchs manchmal angepöbelt wird. Wie das damals war, als sie mit ihrer Familie über die Türkei und Griechenland hierher gekommen ist, wisse sie nicht mehr. "Ich kann mich nicht richtig erinnern", sagt die 16-Jährige. Andere, wie Anisa und Elina, müssen damit zurechtkommen, dass ihre Eltern nicht über die Beweggründe der Flucht sprechen. "Meine Eltern haben sich zwischen Amerika und Deutschland entschieden", sagt Souad, die später Medizin studieren möchte. "Anfangs fanden wir es komisch, dass sich die Menschen in der Öffentlichkeit küssen", so die Muslima. Mittlerweile sei sie in Cottbus angekommen, auch wenn ihr neulich Jungs "Ausländer raus!" zugerufen hätten. "So was passiert in Hamburg oder Berlin nicht", meint Zeynab und spielt mit ihrem Handy.

Trotz Zerstörung, allem Leid und der Flucht sind Zeynab und Souad aufgeweckte Teenager. Doch nicht allen Flüchtlingskindern gelinge das, weiß Schulsozialarbeiterin Anke Rudolph. Manche benötigen psychologische Betreuung. An der Schule herrsche ein "Kommen und Gehen". "Derzeit lernen bei uns Schüler aus 16 Nationen, darunter 32 Flüchtlinge", berichtet Deutschlehrerin Annett Varchnin. Das sei eine Herausforderung und Bereicherung zugleich, und doch kein neues Phänomen: Seit 1976 besuchen Kinder aus aller Welt die Schule. Früher kamen sie aus Gastarbeiterfamilien, heute zunehmend aus Krisengebieten.

Flucht gestern und heute

Wie es sich anfühlt, aus der Heimat vertrieben zu werden, hat auch Franz Löster erfahren müssen. Als Elfjähriger wurde er 1946 aus Deutscheinsiedel (Sudetenland) deportiert. Mit der Situation der Flüchtlinge heute wäre das nicht vergleichbar, das sei ihm bewusst. "Jeder hat seine eigene Geschichte, wie er sein Land verlassen musste", sagt der Rentner. "Ich wollte von den Jugendlichen erfahren, was sie erlebt haben." Franz Löster hat in der Fremde eine neue Heimat gefunden. Bis auch Souads Heimweh entgültig vergeht, wird es noch etwas Zeit brauchen.

Stimmen Sie auf LR-Online für Ihr Lieblingsmotiv. Die drei Entwürfe mit den meisten Klicks werden am Kindertag, 1. Juni, im Menschenrechtszentrum präsentiert.

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Zum Thema:
Mit dem Hilfsprojekt "Kinder helfen Kindern - Krieg und Flucht gestern und heute" werden Kinder im Irak unterstützt, die mit ihren Familien vor dem Terror des Islamischen Staats (IS) flüchten mussten. Besonders betroffen sind Kinder mit Behinderungen und Menschen, die durch die Auswirkungen des Kriegs zu Invaliden geworden sind. Die Erlöse aus dem Verkauf der T-Shirts und Spendengelder werden genutzt, um Hilfsmittel wie Rollstühle, Gehhilfen und Orthesen zu kaufen.

Spendenaktion: Darüber hinaus können ab sofort gebrauchte Hilfsmittel wie Rollstühle (ältere Modelle) und Gehhilfen, die in gutem Zustand sind, im Menschenrechtszentrum abgegeben werden. In Kooperation mit der irakischen Hilfsorganisation "Voice of older people and family" (VOP-Fam) wird voraussichtlich im Herbst - und unter Berücksichtigung der militärischen Lage im Irak - ein Transport der Hilfsgüter nach Dohuk, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz in der autonomen Region Kurdistan/Irak, organisiert.Neben dem Menschenrechtszentrum Cottbus wird das Projekt durch die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), das Label Ben Galo, die Sachsendorfer Oberschule Cottbus, das Gesundheitshaus Seidel, die Stadt Cottbus, den rbb sowie die RUNDSCHAU unterstützt.