Die neue Schwerpunktsetzung des Regierungschefs birgt für die Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus die Gefahr, "die Länderfusion auf den Sanktnimmerleinstag zu verschieben", erklärt Hauptgeschäftsführer Dr. Joachim Linstedt. "Eine enge Kooperation ersetzt im europäischen Standortwettbewerb keinesfalls die Fusion beider Länder." Die IHK würde es natürlich unterstützen, dass Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) bis 2008 eine gemeinsame Wirtschaftsförderung mit Berlin vertraglich regeln wolle. "Das reicht auf Dauer aber nicht aus", betont Linstedt. "Ziel muss die Länderfusion bleiben." Dass 70 Prozent der Industrieunternehmen in Südbrandenburg mit dem Berliner Markt verflochten seien, untermauere diese Forderung.
Die Senftenberger SPD-Landtagsabgeordnete Martina Gregor, die zugibt, glühende Fusionsbefürworterin gewesen zu sein, sieht "zurzeit keine Chance für einen neuen Fusionsanlauf. Ich komme immer mehr zu der Erkenntnis, dass unsere Probleme die Berliner nur wenig tangieren". Kürzlich sei um den Führerschein mit 17 debattiert worden. "Was wir befürworten, weil junge Leute aus entlegenen Regionen schnell mobil sein müssen, um etwa zur Lehre zu kommen, wird in Berlin mit dem Argument abgelehnt, dass sie die S-Bahn nutzen sollen", winkt Gregor ab. Das Herangehen an bestimmte Themen sei so unterschiedlich und werde von Berliner Seite wenig kompromissbereit geführt, "dass ich Zweifel am Fusionswillen habe".
Während die Koalitionspolitikerin Gregor das Land Brandenburg mit der neuen Förderpolitik für die Zukunft "gut aufgestellt" sieht, fordert die linke Landtagsopposition gerade vor dem Hintergrund der Fusionsdebatte ein Umlenken weg von der Orientierung auf Wachstumskerne. "Wir bleiben auch bei einer Fusion mit Berlin Randregion", sagt der Senftenberger Landtagsabgeordnete Dr. Gert-Rüdiger Hoffmann (Linkspartei.PDS). Zudem sei der Landesregierung zu raten, "nicht die Fehler der gescheiterten Fusion von 1996 zu wiederholen. Die Bedenken der Menschen müssen ernst genommen werden". Ob Kooperation oder Fusion - für Hoffmann ist entscheidend, "dass diejenigen, die jetzt benachteiligt sind, dann gleichgestellt sein müssen".
Für den neuen Chef der Regionalen Planungsgemeinschaft Lausitz-Spreewald, Dieter Friese, "ist die Kooperation mit Berlin schon sinnvoller, als sich in eine unzureichend vorbereitete Fusion mit Berlin zu stürzen". Allerdings bleiben für Friese eine Menge offener Fragen, für die die Regierungen beider Länder keine Antworten haben. Dazu gehöre natürlich der Berliner Schuldenberg und "wie damit in einem gemeinsamen Land umgegangen werden soll". Friese, der auch SPD-Landrat im Spree-Neiße-Kreis ist, sagt aber auch deutlich, dass er nicht zulassen werde, "dass sein Landkreis verkauft wird". Es müsse also rechtzeitig geklärt werden, wie die Interessen der Randregionen in einem gemeinsamen Land vertreten werden sollen. "Zurzeit würden von 100 Abgeordneten in einem gemeinsamen Landtag 58 aus Berlin kommen", bringt Friese Ängste der Berlin-fernen Regionen zum Ausdruck. "Ich habe den Eindruck, gegenwärtig überblickt niemand dieses Projekt. Und niemand weiß, was aus dem ausgebrüteten Ei einmal herauskommt."

Hintergrund Oppositions-Kritik
 Als sich Brandenburg beim künftigen Bau von Ministerien dafür entschieden hat, keine "Fusionsreserve" vorzuhalten, kritisierte die FDP dies als "heimlichen Abschied von der Länderfusion". FDP-Landeschef Heinz Lanfermann erklärte: "Offensichtlich rechnet man in der Landesregierung intern längst nicht mehr mit einem Zusammenschluss, nicht einmal in mittlerer Frist. Niemand aber hat den Mut, dies öffentlich zu sagen."