"Das hätte so nicht passieren dürfen", sagt Rechtsanwalt Matthias Schöneburg über die Vorgeschichte eines Tötungsverbrechens, das seinen Mandanten Frank M. (Name geändert) in die geschlossene Psychiatrie des Maßregelvollzuges gebracht hat. Vor zwei Wochen ordnete das Landgericht Frankfurt (Oder) die Unterbringung des 54-Jährigen an. Er hatte im Zustand der Schuldunfähigkeit im Keller seines Wohnhauses in Brieskow-Finkenheerd einen Nachbarn erstochen.

Wäre sein Mandant rechtzeitig von einem Psychiater untersucht worden, hätte diese Tat mit großer Wahrscheinlichkeit verhindert werden können", ist Schöneburg überzeugt. Ein Facharzt hätte sicherlich den sich ausbreitenden Wahn von Frank M. erkannt: "Der hat ja über seine seltsamen Vorstellungen gesprochen." Doch einen Termin beim Facharzt bekam der Mann nicht rechtzeitig. Dabei hatte es nach Schilderung seines Anwaltes an Hinweisen auf die Dringlichkeit nicht gefehlt.

Frank M., so sein Verteidiger, war wegen Depressionen und Selbstmordgefährdung schon vor rund zehn Jahren zwei Mal in stationärer psychiatrischer Behandlung. Ein Facharzt in Frankfurt (Oder) betreute ihn danach eine Weile ambulant.

Vor einigen Jahren habe sein Mandant dann angefangen, einen Nachbarn und ehemaligen Kollegen zu verdächtigen, ihn zu bedrohen. "Der sollte seine Kleidung aus der Wohnung gestohlen und nachts mit seinem Auto herumgefahren sein", beschreibt Schöneburg diese aus seiner Sicht für jeden Außenstehenden erkennbar absurden Ideen. Seine Frau, so der Anwalt, habe Frank M. deshalb im Herbst 2014 zu seiner Hausärztin geschickt.

Die überwies ihn wieder an den Psychiater in Frankfurt (Oder), der ihn nach der stationären Behandlung betreut hatte. "Auf die Überweisung, die in der Gerichtsakte liegt, hatte sie deutlich sichtbar ,eilt' geschrieben", versichert Schöneburg. Frank M. bekam jedoch erst einen Termin ein Jahr später, im Januar 2016.

Als die Hausärztin davon erfuhr, rief sie selbst in der Praxis an, erreichte jedoch nur eine Sprechstundenhilfe. Die habe versichert, sich darum zu kümmern. Vier Wochen lang geschah nichts. Dann erstach Frank M. im Hauskeller sein völlig argloses Opfer. Der 66-Jährige ahnte nicht, dass er in der Wahnvorstellung seines Nachbarn die zentrale Rolle spielte.

Dieser tragische Fall wirft ein deutliches Licht auf das Ausein-anderklaffen von Theorie und Lebenswirklichkeit in der ambulant-medizinischen Versorgung. Denn eigentlich dürfte es Terminvergaben mit monatelangen Wartezeiten bei Psychiatern und Psychotherapeuten in Brandenburg und Sachsen gar nicht geben.

Nach den Bedarfszahlen, auf deren Grundlage die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) Niederlassungen genehmigen, ist die Region gut bis sehr gut mit Psychiatern, Neurologen und ärztlichen Psychotherapeuten versorgt. Beide Bundesländer melden einen spürbaren Zuwachs an Praxen in den vergangenen Jahren.

Dass es trotzdem Versorgungsprobleme gibt, zeigen andere Zahlen. Bei einem Servicetelefon der KV Sachsen gingen vom November 2014 bis Juli 2015 fast 1700 Anrufe mit der Bitte um Vermittlung eines Facharzttermins ein. Ein Drittel davon betrafen Neurologen und Psychotherapeuten, die damit bei der Terminnot noch vor den Augenärzten Spitzenreiter waren.

Laut Bundespsychotherapeutenkammer warten Menschen mit seelischen Leiden durchschnittlich drei Monate auf ein Erstgespräch und weitere drei Monate bis zum Beginn einer Therapie.

Dabei nehmen seelische Erkrankungen zu. Bei der Kaufmännischen Krankenkasse KKH in Brandenburg stieg zum Beispiel die Zahl der stationär behandelten psychischen Erkrankungen von 2006 bis 20014 um über 75 Prozent. Bundesweit waren es 40 Prozent. Dass der theoretisch gute Versorgungsgrad mit Psychiatern und Psychotherapeuten vielleicht nicht dem tatsächlichen Bedarf entspricht, will auch Christian Wehry, Sprecher der KV Brandenburg, nicht ausschließen. An der bisherigen Bedarfsplanung gebe es über alle Fachbereiche hinweg viel grundsätzliche Kritik. Im Rahmen der jüngsten Gesundheitsreform soll das System jetzt auf den Prüfstand kommen.

Frank M., der nun im Maßregelvollzug sitzt, weil er im Wahn einen Menschen tötete, und den Angehörigen seines Opfers hilft das nichts mehr. "Er fühlt sich im Moment dort geborgen", so sein Anwalt Matthias Schöneburg. Wenn das Urteil über seine Einweisung in diesen Tagen rechtskräftig wird, kann seine Therapie beginnen.

Ein Gutachter, so der Rechtsanwalt, habe seinem Mandanten Hoffnung gemacht, dass er nach längerer Behandlung wieder in Freiheit kommen könnte. Im Moment sei sein Wahnzustand noch nicht so weit abgeklungen, dass er seine Tat wirklich begreifen könnte, so Schöneburg. Das stehe ihm erst noch bevor.