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| 02:44 Uhr

"Ich will die Goliaths ein bisschen ärgern"

Prof. Jörg Steinbach zeigt sich beeindruckt von dem Engagement, mit dem auch die Studierendenschaft einst für die BTU gekämpft hat. "Das kennt man an den großen Massenuniversitäten nicht."
Prof. Jörg Steinbach zeigt sich beeindruckt von dem Engagement, mit dem auch die Studierendenschaft einst für die BTU gekämpft hat. "Das kennt man an den großen Massenuniversitäten nicht." FOTO: Krämer
Cottbus. Am 17. Juli übernimmt Professor Jörg Steinbach das Amt des Gründungspräsidenten der neuen BTU Cottbus-Senftenberg. Der 58-jährige Chemiker ist Ende Juni mit überzeugender Mehrheit (27 von 29 Stimmen) im erweiterten Gründungssenat gewählt worden. Mit der RUNDSCHAU sprach der Ex-Präsident der TU Berlin über seine Vorstellungen von einer modernen Universität und die Chancen der Hochschulregion Lausitz. Andrea Hilscherund Christian Taubert

Herr Prof. Steinbach, als Präsident der TU Berlin hatten Sie sicher eine ganz eigene Wahrnehmung des Fusionsprozesses der beiden Lausitz-Hochschulen. Wie bewerten Sie die letzten 24 Monate?
Ich habe den Fusionsprozess durch meine verschiedenen Funktionen aus unterschiedlichsten Perspektiven verfolgt und mir meine eigene Meinung dazu gebildet. Aber ich will jetzt nicht mehr rückwärtsgerichtet kommentieren. Der Blick zurück lässt die frühere Agonie weiter bestehen und verhindert positive Entwicklungen. Ich möchte gern ganz neu durchstarten und nach vorne blicken und agieren.

Sie kommen von einer Universität mit 30 000 Studenten an eine vergleichsweise kleine Einrichtung. Eine Herausforderung?
Die Größe der Universität ist nicht entscheidend. Für mich ist es ganz besonders wichtig, motivationsfördernd auf die Kollegen zu wirken und sie auf einen gemeinsamen Weg mitzunehmen. Die zurzeit noch sichtbaren Abgrenzungen zwischen Uni und Fachhochschule sollen schnellstmöglich verschwinden. Auf diesen Umgestaltungsprozess freue ich mich. Mein ganzes Berufsleben über habe ich Positionen gesucht, in denen ich neue Wege beschreiten konnte. Die Gestaltungsmöglichkeiten hier sind es, die mich motivieren und mir Spaß machen.

Welche Ziele setzen Sie sich?
Ich gebe zu, von Berlin aus betrachtet, wirkte die alte BTU wie ein Satellitencampus der TU. Jetzt hat bei mir natürlich ein deutlicher Perspektivenwechsel eingesetzt. Ich will die beiden Goliaths Dresden und Berlin ein bisschen ärgern und neben ihnen sichtbarer werden. Vergleichbare Universitäten wie Magdeburg oder Halle-Wittenberg müssen wir weit hinter uns lassen.

Wie wollen Sie das schaffen, wenn Sie Professorenstellen abbauen müssen?
In Berlin mussten wir von 540 auf 270 Professorenstellen reduzieren. Mit der großen Struktur hatten wir 2006 rund 60 Millionen Euro an Drittmitteln eingeworben, mit der kleinen Struktur waren es 2013 dann 174 Millionen Euro. Die Sichtbarkeit der TU ist also größer geworden, die Forschungsdichte hat sich positiv entwickelt. Ähnliches wird uns auch in der Lausitz gelingen.

Welche Struktur wollen Sie der neuen BTU geben?
Darüber will ich erst dann sprechen, wenn ich mir alle Institute angeschaut habe. Ich will mich auf meine eigenen Eindrücke verlassen und nicht auf das, was irgendwelche Kommissionen begutachtet haben. Jeder Lehrstuhl hat jetzt die Chance, mir zu erklären, warum ausgerechnet sein Institut das wichtigste für die neue BTU ist. Ihnen dann die richtigen Plausibilitätsfragen zu stellen, traue ich mir durchaus zu. Es muss letztlich darum gehen, abseits der klassischen Gesamthochschule eine neue Form der Hochschule zu entwickeln. Einen neuen Weg, der sich von altbekannten Strukturen absetzt.

Ein Absetzen vom gescheiterten Gesamthochschul-Modell?
Ja. Fehler der Gesamthochschulen waren, den Fachhochschulzweig auf den Bachelor zu reduzieren, die Masterstudiengänge dem universitären Bereich zuzuordnen. Wir brauchen kohärente Strukturen, in denen beide Seiten gleichberechtigt arbeiten können. Wir müssen neue Karrierewege aus dem Fachhochschulbereich heraus eröffnen, die besonders dem wissenschaftlichen Nachwuchs Perspektiven eröffnen. So kann man wichtige Experten nach Cottbus und Senftenberg locken.

Aber ohne auskömmlichen Mittelbau werden Spitzenleute nicht in die Lausitz kommen . . .
Das wollen wir ändern. Mit dem Kanzler stellen wir Haushaltsüberlegungen an, die einer mathematischen Prozessoptimierung gleichen: Wie viele Professorenstellen kann ich mit einem vernünftigen Mittelbau ausstatten, um erstklassige Kräfte in die Lausitz zu holen. Der Mix muss finanzierbar sein. Außerdem lege ich Wert auf eine leistungsbezogene Ausstattung.

Wie bewerten Sie aus Berliner Perspektive die Studierendenschaft in der Lausitz?
Das "I love BTU", das ich hier immer noch sehe, hat mich schon beeindruckt. Wichtig ist es mir, die große Verbundenheit der Studierenden mit ihrer Universität zu erhalten. Es war schon erstaunlich, wie stark sich die Studierendenschaft mit der alten BTU solidarisiert hat. Das kennt man an den großen Massenuniversitäten nicht.

Einen Eindruck von den Stärken der BTU haben Sie sicher schon gewonnen?
Natürlich. In der Lehre sprechen die CHE-Ranking-Ergebnisse eine klare Sprache, wie zum Beispiel für die Studiengänge Architektur und Biotechnologie. In der Forschung weisen sich die DFG-Großprojekte an unserer Uni als exzellent aus.

Trotz guter Einzelleistungen hat es die BTU nie geschafft, Mitglied der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG zu werden. Da diese nur Grundlagenforschung würdigt, wird es künftig - zusammen mit den anwendungsbezogenen Lehrstühlen der früheren Fachhochschule - deutlich schwerer, in die DFG aufgenommen zu werden.
Sie haben recht, wenn man die Anzahl der eingeworbenen Drittmittel durch die Gesamtzahl der Lehrenden teilt. Dann wird es tatsächlich schwer, akzeptable Werte zu erreichen. Es muss uns gelingen, nur den forschungsrelevanten Teil, also die Lehrenden in der Master- und Doktorandenausbildung in die Rechnung einzubeziehen. Dann haben wir einen fairen Modus, der uns eine reelle Chance bietet. Dafür werbe ich bei der DFG.

Auch die regionale Wirtschaft erwartet viel von Ihnen. Die neue Universität soll enger mit den hiesigen Firmen kooperieren.
Die IHK ist bereits an mich herangetreten, auch mit anderen Wirtschaftsverbänden werde ich über diese Fragen sprechen. Wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit der lokalen Politik. Oberbürgermeister und Landräte müssen helfen, durch eine Art Willkommenskultur die Anwerbung von exzellenten Wissenschaftlern zu unterstützen. Diese Kräfte brauchen einen zentralen Ansprechpartner vor Ort, der Ihnen hilft, in der Lausitz heimisch zu werden.

Wie wollen Sie persönlich Ihr Leben hier gestalten?
Meine Frau und ich sind ganz begeistert, wie schön sich Cottbus entwickelt hat. Hier ist überall Leben, die Häuser sind wunderschön restauriert. Kurzfristig suche ich mir eine günstige Übernachtungsmöglichkeit, dann möchte ich mir mit meiner Frau eine Wohnung in der Stadt nehmen. Möglichst in Fußnähe zum Altmarkt. Mindestens einen Tag pro Woche will ich auf dem Campus in Senftenberg präsent sein. Die Wochenenden werden wir weiter in Berlin verbringen. Dort werbe ich jetzt schon fleißig für die Region. Sie verkauft sich unter Wert. Cottbus braucht ein noch besseres Marketing.

Mit Prof. Jörg Steinbach

sprachen Andrea Hilscher

und Christian Taubert