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"Ich sollte das Blut wegwischen, bevor die Kinder aufstehen"

Rashid D. wirkt vor Gericht teilnahmslos. Die fünf Kinder der Familie leben inzwischen bei Verwandten in Tschetschenien.
Rashid D. wirkt vor Gericht teilnahmslos. Die fünf Kinder der Familie leben inzwischen bei Verwandten in Tschetschenien. FOTO: Wendler
Cottbus. Eliza (Name geändert) ist ein schmales, blasses Mädchen im schwarzen Kapuzenshirt. Auf ihren kurzen Haaren sitzt eine umgedrehte Baseballkappe. Simone Wendler

Eliza ist siebzehn Jahre alt und am Mittwochvormittag vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichtes Cottbus eine wichtige Zeugin.

Auf der Anklagebank sitzt Rashid D., der im November 2016 in Senftenberg aus Eifersucht seine Frau ermordet haben soll. Laut Anklage versetzte er ihr im Bad der gemeinsamen Wohnung 19 zum Teil lebensgefährliche Messerstiche, warf sie aus dem Fenster im ersten Stock und schnitt ihr dann auf der Straße die Kehle durch.

Die Flüchtlingsfamilie mit fünf kleinen Kindern war ein Jahr vorher aus Tschetschenien gekommen.

Auch Eliza, die gut Deutsch spricht, kommt aus einer tschetschenischen Flüchtlingsfamilie. Als Rashid D. seine Frau tötete, war die Siebzehnjährige in der Wohnung des Ehepaares. Kurz vorher hatten sich die beiden Flüchtlingsfamilien in Senftenberg kennengelernt.

Weil Eliza gut Deutsch spricht, hatte das spätere Opfer sie um Hilfe durch Übersetzungen und bei der Betreuung ihrer fünf Kinder gebeten. "Sie war einfach sehr nett", begründet Eliza, warum sie auf die Bitte des späteren Opfers einging, in deren Wohnung auch zu übernachten.

Was sich an diesem Abend im Badezimmer abspielte, konnte Eliza nicht sehen. Sie hörte nur, wie die Frau von Rashid D. laut nach ihr schrie. Als D. aus dem Bad kam, habe er gesagt, seine Frau sei eine Schlampe und dass sie weggewollt habe. Dann sei er aus der Wohnung gelaufen.

Als er kurz danach zurückkam, habe er sich die Hände gewaschen und sie aufgefordert, das Blut im Bad wegzuwischen, bevor die Kinder aufstünden. Da habe sie auch das Messer in seiner Hand gesehen, sagt die junge Frau.

Der psychiatrische Gutachter in dem Verfahren fragt Eliza und andere Zeugen an diesem Vormittag immer wieder nach dem Eindruck, den Rashid D. auf sie gemacht habe. Dabei werden Hinweise deutlich, die vermuten lassen, dass der 32-jährige Angeklagte psychisch nicht gesund sein könnte.

"Er wirkte nicht normal", sagt beispielsweise Eliza über den Moment, als Rashid D. mit dem Messer in der Hand in die Wohnung zurückkam. Er habe auch nicht versucht zu fliehen, als sie ihm sagte, dass er jetzt nicht weggehen könnte. Über seine Frau habe er nur gesagt "die liegt da unten". Rashid D. habe kein Interesse am Schicksal der Frau gezeigt und nur nach den Kindern gefragt.

Ähnliches berichtet auch ein Kriminalist, der den Mann am Tag nach der Tat vernommen hatte. Er schilderte Stimmungsschwankungen und seltsame Gefühlsäußerungen: "Als er sagte, dass er seiner Frau in den Hals gestochen habe, hat er gelacht." Das habe überhaupt nicht zur Situation gepasst, so der Kriminalist. Andererseits sei die Vernehmung ein flüssiges Gespräch mit Fragen und Antworten gewesen.

Keine Bestätigung lieferten bisherige Zeugenaussagen für das vom Angeklagten vorgebrachte Motiv, seine Frau habe ein Verhältnis mit einem Landsmann gehabt und wollte ihn verlassen. Eliza versicherte, dass das der Getöteten überhaupt nicht zuzutrauen gewesen wäre. Auch Elizas Mutter, die das Ehepaar flüchtig kannte, versichert, dass sie das für ausgeschlossen hielt.

Auf den Vorhalt des Vorsitzenden Richters Frank Schollbach, dass Rashid D. auch sie und Eliza gegenüber der Polizei verdächtigt habe, sie hätten seiner Frau am Abend ihres Todes bei der Flucht helfen wollen, reagiert sie mit völliger Fassungslosigkeit.

Rashid D., der in der Untersuchungshaft versucht haben soll, sich das Leben zu nehmen, sitzt auch am zweiten Verhandlungstag fast teilnahmslos auf der Anklagebank des Landgerichtes Cottbus. Den Messerangriff auf seine Frau hatte er mit einer Erklärung seines Verteidigers gestanden, die Tötungsabsicht jedoch bestritten. Was er der Schwerverletzten auf der Straße zugefügt habe, daran konnte er sich nicht mehr erinnern.

Der Prozess wird am Mittwoch kommender Woche fortgesetzt.