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"Ich habe es nicht getan"

In dieser Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in der Thomas-Müntzer-Straße in Hoyerswerda war der Afghane untergebracht, der seit gestern in Görlitz vor Gericht steht.
In dieser Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in der Thomas-Müntzer-Straße in Hoyerswerda war der Afghane untergebracht, der seit gestern in Görlitz vor Gericht steht. FOTO: Catrin Würz
Görlitz/Hoyerswerda. Der Mordprozess nach dem Tod einer Afghanin hat vor dem Landgericht in Görlitz begonnen. Dem Angeklagten wird vorgeworfen, seine Ehefrau im August 2016 in Hoyerswerda mit einem Kissen erstickt zu haben. Miriam Schönbach

Seine ersten Worte vor Gericht: "Ich habe es nicht getan." Der 33-Jährige soll im August 2016 im Flüchtlingsheim in Hoyerswerda seine Frau getötet haben. Laut Anklage hat der Afghane die 25-Jährige mit einem Kissen erstickt. Knapp drei Stunden folgen Richter und Staatsanwaltschaft am Mittwoch am Landgericht Görlitz den Ausführungen des 33-jährigen Asylbewerbers. Der Angeklagte macht einen epileptischen Anfall - in seiner Sprache Farsi sagt er "vom Teufel besessen" - für den Tod seiner Frau verantwortlich.

Einen Streit mit der Mutter seiner vier Kinder räumt er ein. Eine solche Auseinandersetzung findet sich auch in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Der Vorwurf lautet hier auf Mord aus niederen Beweggründen. Nach einem verbalen Schlagabtausch soll es zu einem Kampf gekommen sein, heißt es dort. Dabei soll der Angeklagte seine acht Jahre jüngere Frau auf eine Matratze geworfen und ihr Gesicht in ein Kissen gedrückt haben. Anlass der Tat war nach Erkenntnis der Staatsanwaltschaft, dass sich die Frau von ihrem Mann trennen und sich nicht mehr seinen Moralvorstellungen unterordnen wollte.

Vom Miteinander mit seiner Frau gibt der Angeklagte vor Gericht einen kleinen Eindruck. Am Vorabend der Tat am 30. August 2016 habe er sich mit einem Freund eine Flasche Alkohol geteilt. Müde habe er sich nach seiner Rückkehr in die Zwei-Zimmer-Wohnung im Asylbewerberheim ins Bett gelegt, bis ihn sein Sohn weckte, weil er Hunger hatte. Er habe seine Frau gesucht - und irgendwann sei sie dann ins Heim zurückgekehrt.

Dort habe er sich beschwert, dass sie sich nicht um die Kinder kümmere, sagte der Angeklagte. Der Familienvater setzte sogar die Verwandtschaft in Afghanistan in Bewegung, um seine Frau zur Vernunft zu bringen. Die Frau schickte in ihrer Not in dieser Nacht noch eine SMS an eine Freundin im Heim mit der Bitte: "Bete für mich", wie diese Frau als Zeugin berichtet. Die Ehefrau des Angeklagten habe von Scheidung gesprochen. Andere Zeugen berichten von Streitigkeiten zwischen dem Ehepaar.

Der Angeklagte sagt, die Mutter seiner Frau habe ihr zur Rückkehr ins Heimatland geraten, das die Familie im Jahr 2015 in Richtung Deutschland verlassen hatte. "Ich wollte ein besseres Leben für unsere Kinder und uns aufbauen", sagt der Brunnenbauer. Sein Schwiegervater habe in einem Telefonat schließlich auch ein Machtwort gesprochen.

Nach diesem Telefonat kam es zum tödlichen Drama: "Meine Frau hat mich gekratzt und gebissen. Da habe ich sie geschubst. Als sie hinfiel, zitterte sie am ganzen Körper und umklammerte mit den Händen den Hals." Kurz darauf sei sie tot gewesen, Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzdruckmassage hätten nicht geholfen.

Ein Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt, die das Heim betreibt, hatte die Leiche der 25-jährigen Afghanin in ihrem Zimmer aufgefunden.

Daraufhin floh der Angeklagte aus Angst vor der Polizei, schildert er dem Gericht. Die Kinder im Alter von drei, fünf, sieben und neun Jahren nimmt er mit. Am 15. September wird er an der ungarisch-serbischen Grenze gefasst und ausgeliefert und sitzt seitdem in einer sächsischen Justizvollzugsanstalt in Untersuchungshaft.

Die Obduktion hatte ergeben, dass das Opfer mit einem Kissen erstickt wurde. "Das gerichtsmedizinische Gutachten spricht eine andere Sprache als das, was wir heute gehört haben", sagt Gerichtspsychiater Prof. Joachim Morgner in einer Pause.

Neben ihm werden an den geplanten fünf weiteren Verhandlungstagen bis Anfang April ein weiterer Gutachter sowie mehr als 20 Zeugen gehört. Bei einer Verurteilung wegen Mordes droht dem Tatverdächtigen eine lebenslange Freiheitsstrafe.