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| 15:34 Uhr

„Ich habe Angst davor, dass sie mich zurückschicken.“

Präsident Donald Trump lächelt nach der Unterzeichung von drei Exekutiv Aktionen im Oval Office vom Weißen Haus in Washington DC am 28.01.2017.
Präsident Donald Trump lächelt nach der Unterzeichung von drei Exekutiv Aktionen im Oval Office vom Weißen Haus in Washington DC am 28.01.2017. FOTO: Alex Brandon (AP)
Atlanta. Malik al-Armash hat große Ziele. Er will in den USA studieren, in den USA ein Unternehmen gründen, und seit fünf Monaten sieht es so aus, als baute er nicht nur Luftschlösser. Seit fünf Monaten lebt der junge Syrer aus Damaskus in Clarkston, einer Kleinstadt in der Nähe Atlantas, die in großer Zahl Flüchtlinge aufnimmt. Frank Herrmann

Eine Bürgerinitiative namens "Refuge Coffee" hat ihm einen Job besorgt, er verbringt seine Tage in einem rot angestrichenen Imbisswagen, um Kaffee zu brühen und im Gespräch mit Kunden an seinem Alltagsenglisch zu feilen. Es sind erste Schritte. Allmählich würde Ordnung in sein Leben einziehen, hatte Malik al-Armash geglaubt.

Nun aber hat Donald Trump einen Aufnahmestopp für Flüchtlinge sowie ein vorläufiges Einreiseverbot für Bürger aus sieben Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit verfügt, und das bringt große Unruhe in Malik al-Armashs neues Leben. 2012 hatte er Damaskus verlassen, nachdem er von Sicherheitskräften des Assad-Regimes zweimal verhaftet worden war. Dreieinhalb Jahre schlug er sich in der jordanischen Hauptstadt Amman durch, bis endlich grünes Licht aus Washington kam. Nach zwölf Monaten im Südstaatennest Clarkston darf er sich um eine Green Card bewerben, um das Papier, das ihm sowohl einen unbegrenzten Aufenthalt garantiert als auch eine Berufskarriere ermöglicht. Obwohl es vorläufig keine Anhaltspunkte gibt, dass sich daran etwas ändert, zweifelt der 23-Jährige plötzlich an allem und jedem. "Ich habe Angst, ich bin nervös, das will ich gar nicht verbergen", sagt er. "Ich habe Angst davor, dass sie mich zurückschicken."

Nach Trumps Erlass werden die Vereinigten Staaten in den nächsten vier Monaten keinen einzigen Flüchtling mehr ins Land lassen. In dieser Zeit soll geprüft werden, wie man Antragsteller noch gründlicher als bisher durchleuchten kann. Die Aufnahme von Menschen aus dem Bürgerkriegsland Syrien wird sogar für unbestimmte Zeit ausgesetzt. Zudem darf in den nächsten drei Monaten kein Staatsangehöriger aus dem Irak, aus Iran, Syrien, Libyen, Somalia, dem Jemen und dem Sudan einreisen, sofern er nicht Diplomat oder aus sonstigen Sondergründen von dem Verbot ausgenommen ist. Das gilt auch für Menschen, die im Besitz einer Green Card sind.

Das Dekret, von Kritikern als völlig unzulässige Kollektivstrafe bezeichnet, löst am Wochenende Hektik und bisweilen Chaos auf amerikanischen Flughäfen aus. In New York versuchen Anwälte, zwei Iraker mit gültigen Visa aus dem Gewahrsam der Grenzkontrolleure zu holen. Das gelingt erst nach zähen Verhandlungen und dem Urteil einer Richterin, die am späten Samstagabend entscheidet, dass die Festgehaltenen vorerst nicht deportiert werden dürfen. Einer iranischen Wissenschaftlerin, die nach Boston fliegen will, um am Labor eines Universitätskrankenhauses zu forschen, wird die Einreise ebenso verweigert wie einer syrischen Flüchtlingsfamilie, die auf einen Neubeginn in Ohio gehofft hatte. Nisrin Omer, eine aus dem Sudan stammende Harvard-Absolventin, die seit 1993 in den USA lebt, aber nach wie vor sudanesische Staatsbürgerin ist, wird fünf Stunden am New Yorker Kennedy-Airport festgehalten - für einige Zeit in Handschellen. Insgesamt sind es nach vorläufigen Angaben um die 200 Menschen, die auf ähnliche Weise von Trumps Verfügung überrumpelt werden.

An Flughäfen in San Francisco, Washington und New York kommt es daraufhin zu spontanen Demonstrationen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, dessen Unternehmen wie die gesamte Hightech-Branche im Silicon Valley auf weit geöffnete Türen für Talente aus aller Welt angewiesen ist, betont, dass die USA ein Land der Einwanderer seien und stolz darauf sein sollten. "Meine Urgroßväter sind aus Deutschland, Österreich und Polen gekommen", die Eltern seiner Frau seien aus China und Vietnam geflohen, schreibt er auf seiner Facebook-Seite. "Wir müssen die Sicherheit dieses Landes wahren, aber das sollten wir tun, indem wir uns auf Leute konzentrieren, von denen tatsächlich Gefahr ausgeht." Demokratische Kongressabgeordnete sprechen von einer Diskriminierung, die allem widerspreche, wofür Amerika mit seinen Werten und seiner Tradition stehe. Der Freiheitsstatue liefen die Tränen über die Wangen, sagt Chuck Schumer, der führende Demokrat im Senat. Seine Parteifreundin Nancy Pelosi twittert: "Diese Regierung verwechselt Grausamkeit mit Stärke und Vorurteile mit Strategie".

Der Präsident dagegen erklärt im Weißen Haus, er habe ja gar kein pauschales Einreiseverbot für Muslime erlassen, wie er es im Wahlkampf angekündigt hatte. "Alles läuft gut. Das sieht man an den Flughäfen, das kann man überall sehen", sagt Trump. Malik al-Armash sagt, dass er sich große Sorgen mache um seine Verwandten, die noch immer Syrien oder Jordanien lebten. Auch sie wollten in die Neue Welt übersiedeln, doch womöglich seien die Tore nun auf Jahre hinaus verschlossen. "Und was aus mir wird, weiß ich auch nicht. Niemand hier weiß, was als Nächstes geschieht."