„Trotzdem der Verein blieb . . .
mit Aktivspielplatz, Kita, Jugendclub, betreutem Wohnen, Jugendnothilfe rund um die Uhr. Und mit einem
Haufen Träume und Pläne, die noch
umgesetzt werden müssen.“


Er sitzt in seinem Souterrain-Büro, schlürft türkischen Kaffee und pendelt im Minutentakt zwischen Telefon, Computer und Mitarbeitergesprächen. „Ist doch klasse“ , sagt er, „so mittendrin zu sein und alles in Bewegung.“ Die Brandschäden am Aktivspielplatz sind fast behoben. „Wir hatten noch in der Nacht unglaublichen Zuspruch. Hilfe, Spenden von Tierfutter, Stroh oder Geld - einfach toll.“
48 Jahre alt, gehört Meyer zum Urgestein der Lausitzer Sozialarbeit - mit all den widersprüchlichen Erfahrungen, die Heimerziehung und Jugendarbeit in den vergangenen Jahrzehnten mit sich gebracht haben.
„Leider hatte ich in der Schule zu spät gemerkt, dass Lernen Spaß machen kann“ , erzählt Meyer, „nach der zehnten Klasse war also Schluss.“ Lehrer zu werden, hätte ihn gereizt, aber so vor der Klasse zu stehen, das sei ihm komisch vorgekommen. Also erstmal zu Robotron in die Lehre. Ende der 70er-Jahre, das seien seine wilden Jahre gewesen. Mit Deep Purple und T-Rex, mit langen Haaren, dem Biermann-Schock und langen Nächten. „Dann traf ich einen Freund, der im Kinderheim aufgewachsen war. Und plötzlich wusste ich genau, was ich wirklich wollte: Heimerzieher werden.“ Eineinhalb Jahre Armee musste er noch hinter sich bringen ( „furchtbare Erinnerungen“ ), dann setzte er seine Pläne in die Tat um. Erste praktische Erfahrungen, das Studium, 1984 die Arbeit in einem Heim für lernbehinderte Kinder. Zwei Aspekte sind dem Pädagogen bis heute elementar wichtig. „Als Heimerzieher musst du total authentisch sein, du kannst dich hinter nichts verstecken vor den Jugendlichen.“ Und als Zweites: „Es geht zunächst mal nicht um diffizile pädagogische Feinheiten. Du musst mit den Kindern Alltag leben. Waschen können, Kochen, Aufräumen, Disziplin hinlegen.“ Tätig sein, das müsse einem Spaß machen und das wolle er immer auch vermitteln. „Dass man sich nicht in Probleme verbeißen sollte, sondern aktiv werden muss, handeln.“
Nach den Jahren im Heim wechselte Jörn Meyer in einen der berüchtigten Jugendwerkhöfe. „Ich hatte Bedenken. Aber gerade Heimkinder haben mir zugeraten. Dort würde ich wirklich gebraucht.“ Es folgten „intensive Jahre“ in Finsterwalde. Mit Punkern, Skinheads, Widerspenstigen und wirklich delinquenten Jugendlichen. Mit Gewalt in den Gruppen, mit Machtmissbrauch und Grenzerfahrungen, auch mit „grenzwertigem eigenen Handeln“ .
Nach der Wende und mit großem Abstand hat Meyer die Jahre im Jugendwerkhof Revue passieren lassen, den Kontakt zu ehemaligen Zöglingen gesucht. „Ich habe in den einschlägigen Internetforen gesucht und einem meiner früheren Jungs geschrieben. Leider hat er nicht geantwortet. Aber vielleicht kommt das noch.“
Von Finsterwalde aus ging er zurück nach Cottbus, als verheirateter Mann mit zwei Kindern und der klaren Perspektive, Heimleiter zu werden. „Ich wollte Verantwortung übernehmen und ich wollte selbstbestimmt arbeiten können.“ So schaffte er es, mit seiner Gruppe von Teenagern sogar zu den Montagsdemos der Wendemonate zu gehen, „nach heftigen Diskussionen im Kollektiv“ .
Als Mitglied der SED verfolgte er genau, wie sich der Ruf „Wir sind das Volk“ wandelte zu „Wir sind ein Volk“ und wie Deutschlandfahnen und der Drang zu D-Mark alle Diskussionen überwucherten. Als ganz wesentliche Erfahrung dieser Jahre ist ihm bis heute eines geblieben: „Die Bedeutung der Freiheit. Nicht alles haben können - aber alles sagen dürfen. Selbstbestimmt handeln können und auch zu Fehlern stehen dürfen. In diese Idee bin ich total verliebt.“
Er selbst machte nach der Wende, „im wilden Osten“ zunächst Streetwork. „Ohne, dass wir wussten, dass man das so nennt.“ Aber er ging eben auf die Straßen, hin zu den Jugendlichen, die sich schnell in „rechts“ und „links“ teilten, sich bekriegten und die Polizei gleich mit.
Meyer sammelte neue Erfahrungen mit Gewalt, Aggression und Frustration. Der Wunsch, nicht mehr nur nach Dienstanweisung zu handeln, wuchs. Zusammen mit einem Partner gründete er den Verein „Jugendhilfe e.V.“ und machte sich selbstständig. „Groß denken“ sein Motto, schrieb er entspannt einen Förderantrag über 1,3 Millionen Mark. „Immerhin 978 000 Mark haben wir bekommen und konnten loslegen.“
Räume für Begegnungen schaffen, in denen sich rechte und linke Jugendliche treffen konnten. „Wir haben einen extra Waffenschrank gebaut, da wurde alles verstaut. Die Wände blieben neutral weiß, ohne Parolen. Und plötzlich konnten alle miteinander Billard spielen, reden, Pläne schmieden.“
In den Jahren nach 1992 wuchs der Verein rasant. „Plötzlich war man Arbeitgeber, Finanzmanager und Chef.“ Streit, Verletzungen, auch solche, die bis heute nicht ausgeräumt sind. Trotzdem, der Verein blieb. Mit heute 70 Mitarbeitern. Mit Aktivspielplatz, Kita, Jugendclub, betreutem Wohnen, Jugendnothilfe rund um die Uhr. Und mit einem Haufen Träume und Pläne, die noch umgesetzt werden müssen.
„Denn an die Stelle radikaler Straßenkämpfe ist bei den Jugendlichen heute eine erschreckende Passivität und Perspektivlosigkeit getreten. Die müssen erstmal lernen, wie wichtig sie in ein paar Jahren sind. Die werden gebraucht und stehen vor Herausforderungen, die wir gedanklich noch gar nicht erfassen können.“ Dazu die immer intensivere Debatte um den Umgang mit Gewalt und Missbrauch von Kindern. „Keine neue Entwicklung“ , so der Pädagoge, „aber eine gewachsene Sensibilität und Aufmerksamkeit. Dass man Kinder nie und unter keinen Umständen schlagen darf, war vor zehn Jahren noch nicht gesellschaftliches Allgemeingut.“
Aber nur mit Strafen, mit Heimunterbringung und Trennung von Kindern und Eltern könne man wenig bewirken. „Ohne Eltern geht es nicht. Die muss man stark machen, damit sie der Herausforderung durch ihre Kinder gewachsen sind.“ Eine Erfahrung aus seinen Heimjahren hat ihn zu dieser Überzeugung gebracht. „Ein Junge wurde von seinen Eltern so schwer misshandelt, dass er lebenslang behindert blieb. Aber als seine Mutter nach zehn Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde, was wollte er? Raus aus dem Heim, zurück zur Mutter.“