Herr Petke, gerade hat die Bundesregierung in Magdeburg mehrere Modellprojekte gestartet, um dem Bevölkerungsschwund in den neuen Bundesländern entgegenzuwirken. Zu diesem Zweck wird jungen Abwanderern eine so genannte Heimatschachtel mit Ostprodukten, Kneipengutscheinen und ähnlichem hinterhergeschickt. Eine sinnvolle Idee?
Aus meiner Abiturklasse in Guben würden viele gerne wieder nach Brandenburg zurückkehren. In ihre Heimat, zu ihren Familien, in ihr soziales Umfeld. Aber es fehlen die Arbeitsplätze. Daran wird eine Heimatschachtel nichts ändern. Sie ist aber ein Symbol dafür, dass wir uns mit der Situation nicht abfinden. Deswegen begrüße ich die Initiative. Zudem wird in fünf, sechs Jahren im Land aufgrund des Geburtenrückgangs Lehrlings- und in der Folge Facharbeitermangel herrschen. Dann besteht die Chance, Menschen zu einer Rückwanderung zu bewegen.

Mit dem Geburtenrückgang ist das nächste Stichwort gefallen. Die Deutschen sterben aus, sie zeugen zu wenig Kinder - was ist dagegen zu tun?
Damit junge Familien wieder mehr Kinder bekommen, müssen wir ihnen die Möglichkeit geben, ihren Le-bensunterhalt zu verdienen und sie finanziell entlasten, zum Beispiel durch eine kostenfreie Kita. Dazu gehören Arbeitsplätze und ausreichende Löhne. Hier ist nicht nur der Staat, sondern auch die Wirtschaft in der Pflicht. Zum Beispiel muss sie Müttern den Wiedereinstieg in den Beruf erleichtern. Größere Unternehmen müssen ihren Arbeitnehmern Betriebskindergärten anbieten, damit sie Kinder und Beruf gerade in der ersten Zeit nach der Geburt unter einen Hut bringen können.

Im zurückliegenden Bundestagswahlkampf hat sich die CDU eher als Vertreterin von Unternehmerinteressen präsentiert - und schlecht abgeschnitten. Entdeckt die Union als Konsequenz aus dieser Schlappe jetzt ihre soziale Seite wieder?
Unser Wahlkampf war in der Tat sehr ökonomisch angelegt und Ökonomie ist etwas für den Kopf. Doch die Menschen erwarten gerade im Osten weitergehende Antworten, vor allem was die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme betrifft. Deswegen wird die CDU den Bereich des Sozialen und der Familienpolitik verstärkt besetzen, hier eigene Antworten formulieren und das nicht den politischen Gegnern überlassen. Ich bin der Meinung, dass zu unserer wirtschaftlichen Kompetenz eine starke soziale Kompetenz hinzuwachsen muss.

Aufgrund des Bevölkerungsrückgangs ist Deutschland auf Zuwanderer angewiesen. Das Prozedere der Einbürgerung wird allerdings derzeit heiß diskutiert. Hessens Regierung will, dass Einbürgerungswillige ihre Kenntnisse über Deutschland in einem Zwangstest mit hundert Fragen unter Beweis stellen. Was halten Sie von dem umstrittenen Fragenkatalog?
Ich spreche mich dafür aus, dass Deutschland qualifizierte Zuwanderer aufnimmt. Was wir jedoch nicht wollen, ist die Zuwanderung von Menschen, die unsere Gesellschaftsordnung ablehnen, oder Zuwanderung in unsere gebeutelten Sozialsysteme. Wenn jemand erst einmal Deutscher geworden ist, bleibt er es für immer. Deswegen müssen die Bewerber vorher genau unter die Lupe genommen werden. Der Fragebogen aus Hessen ist dafür eine hervorragende Grundlage. Ich bin für einen strengen Einbürgerungstest, der in ganz Deutschland zum Tragen kommt. Es geht schließlich nicht um die hessische oder brandenburgische, sondern um die deutsche Staatsbürgerschaft.

Wenn Sie der Meinung sind, dass der hessische Entwurf ein vernünftiges Modell auch für Brandenburg ist, dann dürfen wir Ihnen sicher ein paar der Testfragen stellen.
Machen Sie.

Wie heißt die deutsche Nationalhymne und mit welchen Worten beginnt sie?
Das Lied der Deutschen. Es fängt an: "Deutschland, Deutschland über alles."

Der Titel stimmt, aber als Hymne wird nur die dritte Strophe verwendet: "Einigkeit und Recht und Freiheit."
Richtig. Die erste Strophe beginnt mit „Deutschland, Deutschland über alles“ .

Zweite Frage: Welcher deutsche Physiker hat mit seiner Entdeckung im Jahr 1895 die medizinische Diagnose bis zum heutigen Tag revolutioniert?
Röntgen.

So ist es. In Kassel findet alle fünf Jahre eine der bedeutendsten Ausstellungen moderner und zeitgenössischer Kunst statt. Welchen Namen . . . „
Documenta.
Wieder richtig. Sie hätten Chancen auf eine Einbürgerung. Kritische Stimmen sagen allerdings, der Test sei eine Abschreckung. Da würden Ausländern Fragen vorgelegt, die nicht einmal viele Deutsche richtig beantworten können.
Wenn sich ein Einwanderer um die deutsche Staatsbürgerschaft bewirbt, erwarte ich, dass er sich vorbereitet, dass er sich mit der deutschen Geschichte, dass er sich mit unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung auseinander setzt. Niemand wird gezwungen, Deutscher zu werden.

Zugangstests sind neuerdings auch in der Bildung im Gespräch: Der brandenburgische Bildungsminister Holger Rupprecht von der SPD erwägt Eignungsprüfungen für das Gymnasium. Was halten Sie davon?
Solche Tests sind dringend notwendig. Ein Abitur ist etwas Herausragendes. Es ist die Hochschulzugangsberechtigung. Sie soll zu einem akademischen Abschluss führen, nicht nur für zwanzig Prozent von denen, die Abitur machen, sondern für die Mehrzahl der Abiturienten. Deswegen muss eine ausreichende Qualifikation unserer Gymnasiasten sichergestellt werden.

Dann liegen Sie in Sachen Bildung auf einer Linie mit Ihrem Koalitionspartner?
Die SPD hat eine laxe Ansicht zu den Leistungsanforderungen an die Schüler. Sie möchte das Abitur zum Regelabschluss machen; wer das tut, der legt die Axt ans Abitur. Ein Abitur, das über 80 Prozent der Schüler machen, kann kein Abitur mehr sein.

Allgemein stellt sich die Frage, wie es mit der Koalition weitergeht. Alles spricht dafür, dass Matthias Platzeck den Landesvorsitz der SPD abgeben wird. Das erhöht den Druck auf die Union, einen Nachfolger für ihren Vorsitzenden Jörg Schönbohm und Kandidaten für die Ministerpräsidentschaft aufzubauen.
Wir haben einen klaren Fahrplan. Im Mai oder Juni 2007 wird es den Wechsel an der Spitze der Landespartei geben.

Ein möglicher Anwärter auf die Unions-Führung ist Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns. Doch der steht wegen umstrittener Regierungsaufträge an seine ehemalige Firma in der Kritik. Untergräbt das seine Erfolgsaussichten?
Die CDU steht geschlossen hinter ihm. Er hat sich rechtlich und politisch absolut korrekt verhalten.

Junghanns bleibt also ein möglicher Nachfolge-Kandidat?
Ulrich Junghanns ist einer der stellvertretenden Landesvorsitzenden und Wirtschaftsminister. Er hat für die CDU in Brandenburg eine ganz her ausragende Position.

Mit SVEN PETKE sprachen
Dieter Schulz, Tim Albert
und Felix Krömer