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"Ich bin ein Fan von leeren Wänden"

Cottbuser Landgerichtspräsidentin Ramona Pisal. Sie will Frauen im Gerichtsbezirk ermuntern und unterstützen, ihr berufliches Potenzial auszuschöpfen.
Cottbuser Landgerichtspräsidentin Ramona Pisal. Sie will Frauen im Gerichtsbezirk ermuntern und unterstützen, ihr berufliches Potenzial auszuschöpfen. FOTO: Wendler
Cottbus. Viele Jahre lang war Ramona Pisal Gleichstellungsbeauftragte am Oberlandesgericht (OLG) Brandenburg. Jetzt stärkt sie selbst als Präsidentin des Cottbuser Landgerichtes die Frauenquote in Spitzenpositionen der Justiz. Simone Wendler / sim

An den Wänden in ihrem Büro im Cottbuser Landgerichtsgebäude sind bisher nur einige Haken von Bildern ihres Vorgängers zu sehen. Daran will Ramona Pisal nicht viel ändern. Eine Karte mit allen Gerichtsstandorten des Landgerichtsbezirkes Cottbus will sie aufhängen und vielleicht ein Plakat. Es zeigt das Innere des Kölner Doms, leer, ohne Bestuhlung. "Ich bin ein Fan leerer Wände", sagt die 59-jährige Juristin. Sie brauche Ruhe um sich herum, keine Ablenkung.

In der Nähe von Köln wurde sie im Rheinland geboren. Die Stadt war auch ihr erster Arbeitsort als Anwältin nach dem Jurastudium. Schon als Studentin musste Ramona Pisal Durchhaltevermögen zeigen. Sie bekam einen Sohn, den sie allein aufzog. Ihre Großmutter unterstützte sie dabei. Der Sohn ist inzwischen Rechtsanwalt, Ramona Pisal dreifache Großmutter.

1994 kam Pisal, inzwischen verheiratet, als Richterin an das Amtsgericht nach Potsdam. Zwei Jahre später wechselte sie schon in einen Zivilsenat beim OLG. Bis 2001 befasste sie sich dort überwiegend mit Baustreitigkeiten. Dann wechselte sie in einen Strafsenat, wurde Vorsitzende Richterin. Das OLG ist in Strafsachen unter anderem Revisionsinstanz für Urteile der Schöffengerichte und Berufungsurteile der Landgerichte.

Entschieden wird in Strafsachen beim OLG jedoch nur nach Aktenlage. Es gibt keine Verhandlung, keine Zeugenbefragungen. Dieser fehlende Kontakt mit Menschen war einer der Gründe, warum Pisal sich auf den Posten des Cottbuser Landgerichtspräsidenten bewarb.

Ein anderer war der Wunsch, sich nach vielen Jahren nicht mehr mit Strafverfahren befassen zu müssen. "Wenn man das sein ganzes Berufsleben macht, bekommt man vielleicht einen zu negativen Blick auf die Welt", sagt sie. Am Landgericht Cottbus hat sie neben der Aufgabe als Präsidentin den Vorsitz einer Berufungskammer für Zivilsachen übernommen.

Ramona Pisal macht auch keinen Hehl daraus, dass ihre Bewerbung noch einen anderen Hintergrund hatte: "Ich wollte auch zeigen, dass Frauen das können." Die Juristin war 14 Jahre lang Gleichstellungsbeauftragte am OLG. Und auch anderweitig engagiert sie sich. Seit sechs Jahren ist sie ehrenamtliche Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes.

Der bundesweit agierende Verein von Juristinnen, Volks- und Betriebswirtinnen engagiert sich bei der Fortentwicklung des Rechts. Er gibt Stellungnahmen zu wichtigen rechtspolitischen Fragen und Gesetzesvorhaben ab. Er hatte sich auch für die Frauenquote in großen Unternehmen eingesetzt.

Im September endet die Amtszeit von Pisal als Vorsitzende. Sie kann nicht wiedergewählt werden.

Neben ihrer Berufserfahrung als Richterin in Straf- und Zivilverfahren in allen drei Instanzen habe die Vereinsarbeit Erfahrung vermittelt, wie Dinge ausgehandelt werden. "Im Gerichtssaal gibt es feste Regeln und wir Richter haben das letzte Wort." Die Arbeit an der Spitze des Juristinnenbundes sei da eine gute Ergänzung gewesen.

Als Landgerichtspräsidentin ist Ramona Pisal für alles "jenseits der richterlichen Unabhängigkeit" zuständig. Das bedeutet vor allem, für eine gut laufende Verwaltung zu sorgen. Sie ist auch Dienstaufsichtsbehörde für die fünf Amtsgerichte, die zum Landgerichtsbezirk Cottbus gehören. Über den OLG-Präsidenten muss sie das Justizministerium bei Bedarf auf Mängel in der Ausstattung der Gerichte aufmerksam machen.

Die Überalterung der Richterschaft sei ein aktuelles Problem, so Pisal. Regelmäßige Neueinstellungen seien deshalb nötig. In ihrer Verantwortung wolle sie mit für gute Arbeitsbedingungen im Gerichtsbezirk sorgen: "Damit sich junge Juristen für eine Arbeit hier bewerben." Und Frauen am Landgericht Cottbus will Pisal Wege aufzeigen und den Rücken stärken, damit sie "ihr Potenzial ausreizen". Ob sie das wollen, müssten die Frauen aber selbst entscheiden.

Müssen Männer am Landgericht Cottbus deshalb jetzt Angst um ihre berufliche Karriere haben? Ramona Pisal lacht: "Da muss sich keiner Sorgen machen." Den Männern sei es ja bisher auch nicht schlecht gegangen. Wenn strukturelle Probleme beseitigt würden, die Frauen in ihrer Entwicklung hemmten, käme das auch Männern zugute, denen ihr Familienleben wichtig sei.

Das Familienleben der neuen Landgerichtspräsidentin wird sich für die nächsten Jahre auf die Wochenenden beschränken. Ihr Mann ist Amtsgerichtsdirektor in Nauen, das gemeinsame Haus steht am nördlichen Rand von Potsdam. Ramona Pisal sucht deshalb gerade eine Wohnung in Cottbus.

Täglich nach Potsdam pendeln kommt für sie nicht infrage: "Ich will hier am Leben teilnehmen und das Gericht auch repräsentieren." Schließlich sei sie ja hier nicht strafversetzt. Mit einer Nebenwohnung in Cottbus will die 57-Jährige auch die Lausitz erkunden. Denn Ramona Pisal liebt Landschaften. Ihre besondere Begeisterung gilt Italien. Ihre nächste geplante Reise geht ins nordwestitalienische Piemont. Sie kann aber auch von der Wüste im afrikanischen Namibia oder der Insel Usedom schwärmen.

Von der Lausitz habe sie bisher nur wenig mitbekommen, bekennt sie. Das soll sich jetzt ändern. Bis zum Ruhestand hat Ramona Pisal sieben Jahre dafür Zeit.

Zum Thema:
Ramona Pisal ist die erste Frau in Brandenburg und Sachsen, die seit Mitte Dezember 2016 an der Spitze eines Landgerichts steht. Zum Landgerichtsbezirk Cottbus, für den sie die Dienstaufsicht führt, gehören die Amtsgerichte in Lübben, Senftenberg, Bad Liebenwerda, Cottbus und Guben als Außenstelle des Cottbuser Amtsgerichtes.Ramona Pisal war seit 2006 Vorsitzende Richterin am Oberlandesgericht (OLG) Brandenburg und trat als Präsidentin am Landgericht Cottbus die Nachfolge von Klaus-Christoph Clavée an, der Präsident des OLG Brandenburg wurde. sim