Nun also Eisenhüttenstadt. Acht Flüchtlinge sind dort in der Abschiebehaftanstalt in den Hungerstreik getreten. Erst zwei Wochen ist es her, dass in München ein Hungerstreik-Camp von der Polizei geräumt wurde. In Berlin gab es solch ein Protestlager von Flüchtlingen vor dem Brandenburger Tor. Die streikenden Flüchtlinge in Ostbrandenburg haben bereits einen rechtskräftigen Bescheid zur Abschiebung erhalten. Sie verweigern nicht nur jede Nahrung. Einige hätten sich gar zu einem "trockenen" Streik entschieden, sagt Dirk Stegemann von der regionalen Unterstützer-Initiative. Das heißt, sie trinken auch nichts mehr. Das könne binnen Tagen zum Tod führen.

Warum greifen Menschen zu diesem äußersten Mittel? Um gegen die unmenschliche Behandlung zu protestieren, sagt Stegemann. Der Großteil der Streikenden kommt laut Innenministerium aus Georgien, ein Mann stammt aus Pakistan. Er heißt Usman Manir. Der 27-Jährige hätte schon vom Flughafen Berlin-Tegel abgeschoben werden sollen, was Flüchtlingsaktivisten im Juni verhinderten. Nun läuft eine Online-Petition an Bundestag und an Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), die Abschiebung zu verhindern. Über 4500 Menschen haben unterschrieben.

Nach Medienberichten leidet Manir an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ganz Deutschland erlebt derzeit einen starken Zustrom von Flüchtlingen. Wie damit umzugehen ist, macht viele ratlos. Allein nach Brandenburg kamen vergangenes Jahr 1700. Dieses Jahr sollen es bis zu 3100 Neuankömmlinge werden. In den Kommunen stießen die Unterkünfte an ihre Aufnahmegrenzen, erklärt das Innenministerium. Und bei der Bevölkerung wächst vielerorts der Unmut.

In Berlin gibt es Widerstand im Ortsteil Hellersdorf, wo ein Flüchtlingsheim geplant ist. Die rechtsradikale NPD versucht, die Stimmung zu ihren Zwecken zu nutzen.

Eisenhüttenstadt liegt an der polnischen Grenze, aber es ist Brandenburgs zentrales Aufnahmelager für Flüchtlinge. Ob aus Syrien, Afghanistan oder Tschetschenien - dort landen alle Asylbewerber und werden dann in die Gemeinden verteilt. Oder ihr Antrag wird abgelehnt und sie werden abgeschoben. Ende Mai erhängte sich im Abschiebegefängnis ein Asylbewerber. Vergangene Woche verletzte sich ein Georgier selbst.

Die Staatsanwaltschaft in Frankfurt (Oder) prüft derzeit Gerichtsurteile in Eisenhüttenstadt gegen Asylbewerber. Hintergrund sind Schnellverfahren des Amtsgerichts wegen illegaler Einreise. Wie das ARD-Magazin "Report Mainz" berichtete, würden Betroffene oft in weniger als 15 Minuten zu Haft oder Geldstrafe verurteilt. Die Flüchtlinge seien "Asyltouristen", die zu einem "Heer der Illegalen" gehörten, heißt es zum Beispiel in einer Urteilsbegründung. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie demnach mit Straftaten, in der Regel meist Schwarzarbeit. Die zuständige Amtsrichterin lehnte auf Anfrage jede Stellungnahme ab.

Einen "Mentalitätswandel" gegenüber Asylbewerbern hatte Bundespräsident Joachim Gauck gefordert. Ende 2012 besuchte er ein Flüchtlingsheim im brandenburgischen Bad Belzig. An Bestimmungen wie der Residenzpflicht oder dem generellen Arbeitsverbot für Flüchtlinge ließ Gauck damals deutliche Zweifel erkennen: "Und deshalb habe ich vor, in Gesprächen mit Abgeordneten, auch mit Regierungsmitgliedern, vor allem aber mit der eigenen Bevölkerung für mehr Empathie und mehr Sensibilität zu werben." Sieben Monate später scheint sich die Lage eher noch verschärft zu haben - nicht nur in Brandenburg.