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| 01:24 Uhr

Hunderte trauern um Politkowskaja

Der erste Todestag der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja und Putins 55. Geburtstagsfeier – Russlands Gegensätze hätten an diesem 7. Oktober kaum offener zutage treten können. Von Ulf Mauder

Mit Nationalfahnen feierten in Moskau trotz strömenden Regens Tausende Anhänger der Kremljugend "Naschi" den Geburtstag von Präsident Wladimir Putin. Gleichzeitig erinnerten am Puschkin-Platz Hunderte Menschen mit Trauerflor, roten Nelken und Politkowskaja-Porträts an die vor einem Jahr erschossene Kremlkritikerin. Menschenrechtler und Oppositionelle riefen gestern dazu auf, mutig wie die Reporterin der Zeitung "Nowaja Gaseta" gegen "politische Zensur" und für Gerechtigkeit aufzutreten.

Zweifel an der Aufklärung
Allerdings bezweifelten Mitglieder verschiedener Menschenrechtsorganisationen, dass der Mord an der regierungskritischen Journalistin jemals aufgeklärt werden kann. Zahlreiche politische Verbrechen in Russland seien nie vor Gericht gekommen, kritisierte die Leiterin der Moskauer Helsinki-Gruppe, Ludmila Alexejewa. Auch Russlands Menschenrechtsbeauftragter Wladimir Lukin beklagte, dass die Schuldigen noch immer nicht genannt seien. Für Journalisten in Russland müsse es endlich Klarheit geben, wer ihnen nach dem Leben trachte.
Zwar hatte die Generalstaatsanwaltschaft im Zuge der Ermittlungen zum Politkowskaja-Mordfall selbst von einer Verstrickung von Kriminellen, Polizei und Geheimdiensten gesprochen. Allerdings ist eine Anklage bislang nicht in Sicht.
Indes bekamen in der russischen Hauptstadt die Teilnehmer der Kundgebung erneut deutlich die Staatsmacht zu spüren: Mehr als 2000 Angehörige der Sicherheitspolizei Omon marschierten am Puschkin-Platz auf. Alte und junge Menschen mussten Metalldetektoren passieren und Taschenkontrollen über sich ergehen lassen. Der beim Kreml in Ungnade gefallene frühere Regierungschef Michail Kasjanow hatte mit seiner neuen Oppositionspartei Ein Volk für Demokratie zu der Veranstaltung eingeladen. Einen geplanten Marsch der Dissidenten erlaubte die Stadt Moskau aber nicht. "Anna Politkowskaja starb für die Gerechtigkeit", rief Kasjanow den Demonstranten zu. Angesichts der bevorstehenden Parlaments- und Präsidentenwahlen monierte er Korruption, die Verquickung von Geheimdiensten, Polizei und Staat sowie Einschränkungen für politisch Andersdenkende.

Warnung vor Missbrauch
Doch der Tag zeigte auch die Zerrissenheit der Opposition. Ein Todestag sei nicht für politische Kampagnen geeignet, sagte der Oppositionspolitiker und Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow. Auch Dmitri Muratow, der Chefredakteur der Zeitung "Nowaja Gaseta", in der Politkowskaja Kriegsverbrechen in Tschetschenien angeprangert und damit die russische Regierung erzürnt hatte, warnte davor, den Mordfall politisch zu missbrauchen.
Nicht zuletzt kochten am Todestag Politkowskajas auch Behauptungen wieder hoch, nach denen der von Geheimdienstmitarbeitern durchsetzte Kreml nicht nur für politische Morde in Russland verantwortlich sei. Vielmehr habe der Kreml auch den Tschetschenien-Krieg und Terroranschläge mutmaßlicher Tschetschenen in Moskau in der 1990ern inszeniert, um Machtstrukturen der Sicherheitsdienste zu erhalten. Ein prominenter Urheber dieser These war der Ex-Geheimdienstler und Buchautor Alexander Litwinenko, der im November 2006, wenige Wochen nach Politkowskaja, mit dem Strahlengift Polonium 210 getötet wurde.