Ein kaum spürbares Lächeln huscht über die Mundwinkel von Brigitte Wolfram. Es mildert den starren Blick, der ins Nirgendwo gerichtet scheint. Tochter und Sohn aus Boxberg sind im Kursana Domizil Bad Muskau zu Besuch gekommen. Sie streicheln über das Gesicht der bewegungslosen 58-Jährigen, drücken ihre Hand, die kraftlos in ihrem Schoß liegt.

Das Schlimmste für die beiden ist, dass sie ihre Mutter im Rollstuhl kaum wiedererkennen: "Sie war so eine lebenslustige Frau, hat gern gelacht und ist viel herumgereist", erzählt die 37-jährige Tochter Antje Pschola. Ein Foto in ihrem Zimmer zeigt die Mutter fröhlich mit ihrem Mann während eines Türkei-Urlaubs.

Deshalb hatten sich die Angehörigen auch für die Magensonde entschieden, als die Frage danach wie ein Damoklesschwert über ihnen stand. In der Familie wurde nie vorher über lebenserhaltende oder lebensverlängernde Maßnahmen im Schwebezustand zwischen Leben und Tod gesprochen. Ohne Patientenverfügung aber drückt die Last der Entscheidung schwer auf die Angehörigen. "Wir denken, sie will am Leben festhalten, so sehr, wie sie immer das Leben liebte", glauben ihre erwachsenen Kinder. Genau aber wissen sie es nicht: "Niemand kann sagen, was im Inneren eines Wachkoma-Patienten wirklich vorgeht", sagen die beiden, die sich dennoch über jede Gefühlsregung freuen, die sie erhaschen.

Der 32-jährige Jens Pschola hatte immer eine besonders enge Bindung zu seiner Mutter. Noch immer hat er den Schock nicht verwunden, als er im April vergangenen Jahres in die Wohnung der Mutter gerufen wurde, wo sie bewegungslos auf der Couch lag. Hatte er doch tags zuvor noch gemütlich in ihrer Küche gesessen und mit ihr geplaudert. Mit jenem 22. April, einen Tag nach dem 13. Geburtstag ihrer Enkelin Annina Kiara, aber begann für Brigitte Wolfram, die bis dahin noch tatkräftig als Industriereinigerin im Kraftwerk Boxberg gearbeitet hatte, eine Odyssee durch die Kliniken.

Wie in einer großen Familie

Der Grund aber für das Wachkoma blieb den Ärzten ein Rätsel. Erst bei der Reha in Pulsnitz öffnete sie die Augen. Tage später wurde sie von heftigem Weinen geschüttelt. Die erste emotionale Reaktion, noch in den ersten magischen sieben Wochen. Sie ließ auf Fortschritte hoffen. Bisher aber vergeblich. Seit Juli vergangenen Jahres ist der Wachkoma-Bereich des Kursana Domizils in Bad Muskau ihr neues Zuhause. "Wir fühlen uns hier wie in einer großen Familie", sagt Antje Pschola, die gemeinsam mit ihrem Bruder viel Rennerei hinter sich hat, um die Kostenübernahme für den Platz zu gewährleisten. Dieser ist schon etwas Besonderes. "Es ist Intensivpflege. Neun Fachkräfte und weitere Pflegehelfer betreuen Menschen im Wachkoma rund um die Uhr. So einen Pflegeschlüssel fast 1:1 gibt es im Pflegebereich von Senioren nicht, da kann man auch noch auf eine gewisse Selbstständigkeit der Bewohner bauen", sagt Pflegedienstleiterin Veronika Marko.

Die Boxberger haben das Gefühl: Im Wachkoma-Bereich herrscht auch eine besondere Atmosphäre. "Hier gehören alle zusammen, die Kranken und die Angehörigen, die ein ähnliches Schicksal eint - und die Pfleger, die sich liebevoll um sie und auch um uns bemühen."

Kein Zimmer gleicht dem anderen, freut sich auch der 48-jährige Krankenpfleger Olaf Dybek. Sie sind mit Fotos geschmückt und mit Erinnerungen der Bewohner, die gefangen sind in ihrem gelähmten Körper. "Wir versuchen, mit Licht und Musik positive Gefühle zu wecken und sie durch verschiedene Therapien von der Logopädie bis zur Physiotherapie zu aktivieren", sagt er.

Die Angehörigen werden mit Ritualen ganz normal in den Alltag einbezogen, auch wenn es ans Abschiednehmen geht.

Fortschritte ja, Wunder nein

Noch keine 30 war Sören, als er ins Wachkoma fiel. Inzwischen kann er wieder essen, bringt ein paar Worte zustande und schaut "Star Trek" im Fernsehen. Solche Fortschritte sind selten. Wunder fast unmöglich. Nie wird es wieder ganz so, wie es war.

Die Boxberger Geschwister, die noch näher zusammengerückt sind, denken nicht mehr in großen Schritten. Eine heimliche Hoffnung aber haben sie: "Vielleicht können wir wenigstens noch einmal ein Wort mit der Mutter wechseln und einander sagen, dass wir uns lieb haben."

Zum Thema:
Hinter dem Begriff Wachkoma verbirgt sich zumeist das apallische Syndrom. Das Krankheitsbild wird durch schwerste Schädigung des Gehirns hervorgerufen. Dabei kommt es zu einem Ausfall der gesamten Großhirnfunktion oder größerer Teile, während Funktionen von Zwischenhirn, Hirnstamm und Rückenmark erhalten bleiben. Dadurch wirken die Betroffenen wach, haben aber begrenzte Kommunikationsmöglichkeiten. Das Kursana Domizil Bad Muskau ist eine Pflegeeinrichtung für Senioren, die zusätzlich über einen angeschlossenen modernen Wachkoma-Bereich verfügt.