Warum ein 83-jähriger Lausitzer am Donnerstagvormittag in den Wochenmarkt von Großräschen fuhr und Menschen zum Teil schwer verletzte, ist bisher unklar. "Der Mann ist noch nicht vernommen worden", sagt Polizeisprecher Ralph Meier. Ein technischer Fehler an dem verunglückten Kleinwagen kommt kaum als Ursache für die Horrorfahrt in Frage. Das Auto war fast neu.

Nur einen Tag später verursachte eine 78-jährige Frau in Cottbus einen schweren Verkehrsunfall. Beim Abbiegen übersah sie einen Motorroller. Der Fahrer und seine Begleiterin wurden schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht.

Unfälle wie diese lassen immer wieder die Forderung nach Pflichtuntersuchungen für ältere Autofahrer laut werden. Auch bei einer aktuellen Online-Umfrage der RUNDSCHAU liegen die Befürworter eines Pflicht-Checks für Senioren weit vorn. Doch Statistiken belegen nicht, dass Rentner generell gefährliche Verkehrsteilnehmer sind.

Sie werden sogar eher Unfallopfer als -verursacher. Im vorigen Jahr war deutschlandweit mehr als jeder vierte Verkehrstote in der Altersgruppe 65 plus. 1992 war es nur jeder Sechste. Als Unfall-Verursacher waren Senioren im Vorjahr mit zwölf Prozent in Brandenburg wie auch in Sachsen jedoch deutlich unterrepräsentiert. Denn in der Bevölkerung machen sie inzwischen fast ein Viertel aus.

Doch wer jenseits der 75 hinterm Steuer sitzt und nur noch selten Auto fährt, wird für andere Verkehrsteilnehmer gefährlicher als junge Risikofahrer. Hochbetagte übersehen komplexe Situationen immer schlechter, reagieren langsamer. Doch anders als in einigen anderen europäischen Ländern gibt es in Deutschland keine Pflichtuntersuchung auf Fahrtauglichkeit im Alter.

Seit Jahresbeginn sind Führerscheine nur noch 15 Jahre gültig, doch die Ausstellung eines neuen "Lappens" erfolgt auch bei Senioren automatisch. Die Chance, einen Pflicht-Check einzubauen, wurde nicht genutzt.

Die Verkehrspolitiker bekommen dabei Unterstützung von ADAC, Tüv und Verkehrswissenschaftlern. Hauptargument gegen eine Tauglichkeitsprüfung ab 65 ist das Fehlen eines verlässlichen Tests, der alle ungeeigneten Fahrer sicher erfasst. Bisher wird vor allem an das Verantwortungsbewusstsein der älteren Autofahrer appelliert.

Das macht auch Brandenburgs Innenminister Ralf Holzschuher (SPD): "Regelmäßige verpflichtende Fahrtauglichkeitsuntersuchungen für ältere Führerscheininhaber lehne ich ab." Nachlassende Reaktionsschnelligkeit werde zum Teil auch durch defensivere Fahrweise und Erfahrung ausgeglichen.

Mit der Ablehnung eines Pflicht-Checks für Rentner ist er sich mit seinem sächsischen Amtskollegen Markus Ulbig (CDU) einig. Auch im Freistaat setzt man auf Einsicht und Verantwortungsbewusstsein statt regelmäßiger Pflichtkontrolle. Jeder Verkehrsteilnehmer sollte seine Fahreignung ständig selbstkritisch überprüfen und gegebenenfalls dazu mit seinem Arzt sprechen. Auch Angehörige seien da gefragt.

Das scheint in der Praxis bei vielen Senioren auch durchaus zu funktionieren. Diese seien durchaus besorgt und für das Thema sensibel, sagt Dr. Johannes Becker, Allgemeinmediziner aus Ruhland und Chef des Hausärzteverbandes in Brandenburg: "Das wird beim Arztbesuch schon angesprochen."

Meist seien es die Männer, die sich im Alter noch hinter das Lenkrad setzten. Ihre Frauen seien jedoch aufmerksam, wenn deren Fahrvermögen spürbar nachlässt. "Die setzen sich dann meistens auch durch", beobachtet er. Wenn die Einsicht älterer Menschen nicht da sei, werde es für Ärzte durch die Schweigepflicht jedoch schwierig, so Becker. "Wir können der Verkehrsbehörde nicht einfach jemanden melden, nur weil der tütelig wird und noch Auto fährt."

Ein solcher Hinweis durch einen Arzt sei nur in Ausnahmefällen denkbar, wenn jemand zum Beispiel eine schwere Psychose habe oder durch eine andere schwere Krankheit von ihm unmittelbar eine große Gefahr ausgehe, wenn der sich hinter das Lenkrad setzt. "Das ist dann eine Güterabwägung."

Von Pflichtuntersuchungen hält Becker auch nicht viel: "Wie wollen sie da berücksichtigen, ob jemand noch auf die Autobahn will oder nur noch um die Dorfkirche fährt." Die Menschen würden heute auch gesünder alt, und das Alter allein sei kein Maßstab für Fahrtauglichkeit. "Es gibt 70-Jährige, denen würden sie bitter Unrecht tun, wenn sie ihnen den Führerschein wegnehmen."