Begleitet von Bundeskanzler Gerhard Schröder will der chinesische Ministerpräsident Zhu Rongji den deutschen Magnetflitzer Transrapid auf der Strecke von Schanghai zu dem 30 Kilometer entfernten Flugplatz der Millionenstadt testen. Vom Lächeln des Staatschefs erhofft sich Transrapid International in Berlin neue Aufträge, erhoffen sich in Kassel 300 ThyssenKrupp-Arbeiter die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze – und der Bundeskanzler nach den Schlappen der letzten Wochen einen publikumswirksamen Auftritt.
Im März 2001 begannen die Chinesen mit dem Bau der Strecke, am 1. Juli schickten die Kasseler Transrapid-Werker den ersten Magnetflitzer auf die Reise nach Schanghai. „Wir können stolz sein, was wir in dieser kurzen Zeit geleistet haben“, sagt Betriebsratsvorsitzender Hendrik Jordan. Er wie auch Transrapid International gehen davon aus, dass Silvester alles glatt über die Bühne geht. „Das ist das A und O“, sagt Jordan. „Wir liegen sehr, sehr gut in der Zeit; die Probefahrten seit September sind gut gelaufen“, berichtet Transrapid-Sprecher Peter Wiegelmann in Berlin. „Je erfolgreicher wir mit der ersten Strecke sind, desto erfolgreicher sind wir auch mit der zweiten.“
Wenn heute in Deutschland die Sonne aufgeht, ist über den Erfolg in China vielleicht schon entschieden: Ein zufriedener Staatschef könnte den Zuschlag für eine zweite Strecke in China und den erhofften Einstieg in die USA bedeuten. Allerdings steht die ursprünglich in China geplante, rund tausend Kilometer lange Strecke zwischen Schanghai und Peking laut einem deutschen Pressebericht nicht länger zur Debatte. Geplant sein soll nun eine deutlich kürzere Verbindung vom Flughafen Schanghai in die fast 200 Kilometer entfernte Provinzhauptstadt Zhejiang.
In Deutschland blicken auch die Projektgesellschaften für den geplanten Flughafen-Anbinder in München und den Metrorapid durch das Ruhrgebiet gespannt nach Schanghai. Doch ebenso gespannt blicken sie nach Berlin und warten ab: Frühestens im März dürfte Klarheit über den kommenden Bundeshaushalt bestehen und damit auch Klarheit über die 2,3 Milliarden Euro, die der Bund für beide Strecken zugesagt hat. Das Gezerre um die Aufteilung des Geldes geht bis dahin weiter.
In Kassel bauen die Transrapid-Arbeiter bis Ende 1993 noch weitere fünf Magnetflitzer für Schanghai. Und dann? „Die Länder müssen noch ihre Schulaufgaben machen“, meint Jordan. Er gibt sich aber zuversichtlich, dass zumindest aus einer der beiden Strecken in Deutschland etwas wird. Und das, sagen alle Transrapid-Macher übereinstimmend, ist Voraussetzung für einen Erfolg auch in anderen Ländern, insbesondere den USA.
Kummer sind die Magnetbahn-Macher gewohnt. Für die aus den 20er-Jahren stammende technische Idee lag spätestens 1987 mit dem Transrapid 06 ein einsatzreifes Fahrzeug vor. Die Strecke Frankfurt/Main–Köln, das wäre es danach gewesen. Auf der bergigen und kurvenreichen Strecke hätte die Magnetbahn ihre Vorteile gerade gegenüber dem schwerfälligen ICE beweisen können. Doch die Gespräche scheiterten damals ebenso wie Jahre später die Trasse Hamburg–Berlin. „Zweckpessimismus ist schon angebracht“, fasste bei der Verladung des ersten Schanghai-Transrapid ein Arbeiter die Stimmung zusammen. Nun also Hoffen auf Silvester. Ein chinesisches Lächeln, ein kleines zufriedenes Lächeln nur, und die Sektkorken werden schon am frühen Morgen fliegen.