Wer die Zentrifuge im Flugmedizinischen Institut der Bundeswehr in Königsbrück betritt, muss unweigerlich an James Bond denken. In "Moonraker" sitzt 007 Roger Moore in einer Zentrifuge, die ein Killer auf eine tödliche Geschwindigkeit manipuliert hat. In der kurzen Sequenz ist gut zu erkennen, wie Bonds Gesichtszüge immer mehr entgleisen - bis er die Apparatur in letzter Sekunde selbst stoppen kann. Auf "15 g" ist die Zentrifuge bei Bond eingestellt, das entspricht dem 15-fachen der Erdbeschleunigung. In Königsbrück müssen die Piloten eines Tornados oder Eurofighters kurzzeitig 9 g aushalten - das Neunfache des eigenen Körpergewichts.

Die Piloten der Luftwaffe müssen alle vier Jahre nach Königsbrück nahe Dresden zum Test. Einer von ihnen, Dirk Baier, ist 39. Die Altersgrenze für Jet-Piloten liegt bei 41. Normalerweise könnte Baier auch verlängern. "Die 41 ist keine gusseiserne Zahl", sagt Oberst Franz Grell, Chef des Flugmedizinischen Institutes der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck, zu dem die Königsbrücker Flugphysiologie gehört. Es gebe auch Piloten, die mit weit über 40 noch fliegen. Baier möchte jedenfalls nicht zur zivilen Luftfahrt wechseln. "Die mögen es nicht, wenn man gern allein arbeitet", sagt der Oberstleutnant.

Dann schnallt er sich an, setzt den Helm auf und erhält via Mikrofon letzte Anweisungen. Sein Körper ist verkabelt, für Blutdruck und Herzfrequenz, auch ein EKG wird gemacht. Die Zentrifuge setzt sich in Bewegung. Die Geschwindigkeit ist beeindruckend. Mehr als Tempo 100 erreicht die Kapsel. Über Monitore kann man Baiers Gesicht sehen. Er presst, die Lippen flattern - ganz wie bei Roger Moore. "Je höher die Fliehkräfte, desto mehr sackt das Blut in die Beine", sagt Bernd Brix, der Leiter der Einrichtung in Königsbrück: "Die Herzfrequenz erreicht schnell mal 180, das ist wie Hochleistungssport. Ohne Training würde einem schwarz vor den Augen."

Die Flugmediziner messen auch die Muskelkraft der Piloten, damit später durch gezielte Übungen der Körper für solche Belastungen fit gemacht wird. Tatsächlich simuliert die Zentrifuge jene Kräfte, die auf die Besatzung bei Kurvenmanövern einwirken. Ein Spezialanzug hilft zwar, die Kräfte auszugleichen. Aber jeder gut trainierte Flieger versucht auch, durch Pressen oder Schließen des Kehldeckels auf die Situation zu reagieren. Als Baier nach kurzer Zeit die Zentrifuge verlässt, wirkt er erschöpft. 15 Jahre Fliegerei hat er schon in den Knochen.

Das Institut in einem Wäldchen am Rande von Königsbrück ist europaweit einmalig. 1961 wurde es als Institut für Luftfahrtmedizin unter dem Kommando der DDR-Streitkräfte NVA gegründet. Da sich im nahen Kamenz die Offiziersschule der Flieger befand, war die Lage des Institutes ideal. Brix spricht mit Hochachtung davon, wie die Kollegen im Osten ihre Technik in Schuss hielten. "Das war eine Riesenüberraschung, als wir das nach dem Fall der Mauer übernahmen", erinnert sich der Oberst. Erst 1986 hatte Königsbrück eine neue Unterdruckkammer für Höhensimulation erhalten. Die NVA wollte sich auf die Einführung des sowjetischen Kampfjets MiG 29 vorbereiten. Auch die Zentrifuge drehte sich auf dem neuesten Stand der Technik.

Klaus Landgraf, ein ziviler Institutsmitarbeiter, spricht von einem "Schatzkästchen" der Bundeswehr. Er betreut die Höhen-Klima-Simulationsanlage. Dahinter verbirgt sich eine Unterdruckkammer. Sie kann die Bedingungen in Höhen bis zu 25 Kilometer simulieren. Je höher es geht, desto mehr Sauerstoff muss zugeführt werden. Landgraf hat Leute gesehen, die "wie aus dem Fitnessstudio" aussahen, dann aber "sehr klein" aus der Kammer herauskamen. Auch eine Bergwanderung in dünner Luft kann hier auf einem Laufband trainiert werden. In Afghanistan habe die Bundeswehr einen Rettungseinsatz in mehr als 5000 Meter Höhe leisten müssen. Dabei seien nicht wenige kollabiert.

Lieber keine blähenden Speisen

Auch ein Jagdflieger hat keine Akklimatisierung, er schafft 1000 Höhenmeter in vier Sekunden. Landgraf erklärt, was ein Pilot vor dem Flug lieber nicht essen sollte, zum Beispiel Speisen, die Blähungen verursachen. "Die Gase dehnen sich in der Höhe auf das Sieben- bis Neunfache aus." Da würde es dann ordentlich rumoren. Aber auch die Zahnfüllung kann sich selbstständig machen - wenn der Arzt nur ein winziges Luftbläschen unter der Füllung gelassen hat. "Das kann den Zahn regelrecht sprengen", betont der Ingenieur. Dennoch sind Zahnfüllungen heute kein Hinderungsgrund für die Pilotenausbildung mehr. Allerdings finanziert die Bundeswehr ihren Piloten bei Bedarf eine Goldfüllung.

Die Ausbildung eines Jet-Piloten kostet etwa vier Millionen Euro. 1:100 lautet die Quote: Von 100 Bewerbern wird im Schnitt nur einer wirklich Pilot.