Jürgen Tauchnitz lehrt seit 1994 Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Marketing, in Cottbus. Er verweist nachdrücklich auf vielfältige Nachteile einer Hochschulfusion und greift den Präsidenten Günther H. Schulz scharf an. Es gebe keinesfalls eine "abgestimmte Hochschulmeinung" zu den Plänen des Ministeriums. Vielmehr, so Tauchnitz, würde der Präsident seine eigene Meinung als die der Hochschule verkaufen. Das aber sei so nicht richtig.

In einer Mitteilung forderte die Hochschule Lausitz am Freitag die gleichberechtigte Mitwirkung in den Gründungsgremien der neuen Universität. Gefordert wird demnach unter anderen die externe Besetzung aller hauptamtlichen Leitungsfunktionen der neuen Universität. Außerdem solle für alle neuberufenen Professoren eine einheitliche Professur mit variabler Lehrverpflichtung und Forschungsintensität geschaffen werden, der personelle und sächliche Ressourcen befristet zugeordnet werden.

Die Stellungnahme von Professor Jürgen Tauchnitz im Wortlaut:

Hochschule Lausitz erhalten / Kein Mehrheitsbeschluss der HS Lausitz zur Fusion mit der BTU

In der Öffentlichkeit herrscht der Eindruck, der Widerstand gegen das Vorhaben der Landesregierung zur Fusion von BTU Cottbus und Hochschule Lausitz ginge allein von der BTU aus, während die Hochschule Lausitz das Vorhaben unterstütze (siehe beispielsweise die Pressemitteilung der HS Lausitz vom 24.10.12).

Dies ist nach meiner Kenntnis unzutreffend. Bis heute gibt es kein abgestimmtes und öffentliches Votum des jetzigen Akademischen Senats der Hochschule Lausitz für eine Fusion. Dafür wiederholt der Präsident bei jeder Gelegenheit gebetsmühlenhaft seine persönliche Meinung als Befürworter der Fusion und gibt sie als Stellungnahme "der Hochschule" aus. Tatsächlich wachsen unter Mitarbeitern, Studenten und Professoren die Vorbehalte gegen eine Zusammenlegung beider Hochschulen - und das aus vielen guten Gründen.

Fachhochschulen und Universitäten sind gleichwertig, insofern sie grundständige Abschlüsse bieten, die, beim Bachelorstudium bspw., beide zu einem ersten berufsqualifizierenden Abschluss führen. Hinsichtlich der inhaltlichen Schwerpunktsetzung unterscheidet sich aber das Studium an einer Universität grundlegend von dem an einer Fachhochschule. In den Studiengängen an der Hochschule Lausitz steht die anwendungsorientierte Vermittlung von wissenschaftlich fundierten Inhalten im Vordergrund, während an der BTU Cottbus eine theorieorientierte Erkenntnisvermittlung ein stärkeres Gewicht hat als der Anwendungsbezug. Darüber hinaus sind unsere Universitätskollegen stärker als wir an der Fachhochschule in der Forschung engagiert. Dafür steht ihnen ein Teil ihrer Arbeitszeit zur Verfügung, wofür wir bei einer mehr als doppelt so hohen Lehrverpflichtung kaum Kapazitäten haben.

Die Unterschiede zwischen einem Studium an der Hochschule Lausitz und der BTU Cottbus werden entsprechend kommuniziert. Weil sie für jeden deutlich sichtbar sind, wird den Studierwilligen eine klare Orientierung bei der Wahl der Hochschule gegeben: Praxisbezug vor Theorieorientierung oder Theorieorientierung vor Anwendungsbezug.

Bis heute haben wir noch Schwierigkeiten, den Arbeitgebern unserer Absolventen die durch den Bolognaprozess neu geschaffenen Studienabschlüsse "Bachelor" und "Master" in den Varianten "of Science" und "of Arts" verständlich zu vermitteln. Sollten die Fusionspläne der Landesregierung umgesetzt werden, stünden wir vor der Herausforderung der Lausitz die Bedeutungen und Inhalte eines Colleges, einer Undergraduate School, Professional School, Graduate Research School oder Lausitz Business School zu erklären.

Die stärke forschungs- und theorieorientierte Lehre der BTU Cottbus erfordert zwangsläufig auch andere Eingangsvoraussetzungen mit dem Abitur als schulischen Regelabschluss, während der Zugang zu den Angeboten der Hochschule Lausitz auch ohne diesen möglich ist. Die unterschiedlichen Profile von BTU Cottbus und Hochschule Lausitz sind auch den Arbeitgebern bekannt und bestimmen deren Suchverhalten nach Fachkräften.

Eine Fusion beider Hochschule zu einer Art Gesamthochschule würde dazu führen, dass diese Unterschiede nicht mehr in dieser Deutlichkeit erkennbar wären, was schwerwiegende Konsequenzen hätte: Die Studierendenzahlen würden sinken und eine hohe Aufklärungsarbeit mit unsicherem Erfolg bei Studieninteressenten, Arbeitgebern und Drittmittelgebern notwendig, um der mangelnden Profilbildung zumindest etwas entgegen zu wirken - abgesehen von den hinlänglich bekannten Zusatzkosten einer Fusion im Millionenhöhe, einem jahrelangen Anpassungprozess und vieles andere mehr, worauf die Volksinitiative "Hochschulen erhalten" und die BTU Cottbus in zahlreichen Verlautbarungen hingewiesen haben und an dieser Stelle in der Detailliertheit nicht wiederholt werden soll.

Schon jetzt sind erste negative Auswirkungen der Fusionsdiskussion deutlich spürbar: Die Immatrikulationszahlen in einigen Kernstudiengängen der BTU Cottbus und der Hochschule Lausitz sind in diesem Semester trotz ausgesetztem Numerus Clausus zurückgegangen oder stagnieren, obwohl angesichts der doppelten Schulabgänger ein deutliches Wachstum zu erwarten gewesen wäre.

Zusätzlich hätte eine Auflösung der Hochschule Lausitz auch fatale Auswirkungen auf die regionale Entwicklung. Im Gegensatz zur BTU Cottbus versorgt die Fachhochschule in einem hohen Maße die Region mit Arbeitskräften. 40% der von mir in den vergangenen 17 Jahren betreuten Absolventen - immerhin mehr als die Hälfte aller BWLer - sind in Brandenburg, vor allem in der Lausitz, beruflich tätig. Ein etwa gleicher Prozentsatz arbeitet in Berlin oder Sachsen. Eine Gesamthochschule ohne eine auf den ersten Blick erkennbare Angebotsdifferenzierung nach Fachhochschul- und Universitätsstudiengängen würde zu einer mangelnde Versorgung der regionalen Wirtschaft mit qualifizierten akademischen Fachkräften führen. Die vom Präsidenten der HS Lausitz in einem Video auf der Hochschulhomepage abgegebene Zusicherung, durch die Fusionsdiskussion ändere sich nichts am Studienangebot der Hochschule Lausitz, war schon zur Veröffentlichung Makulatur. Das erst vor zwei Jahren eingeführte und mit der BTU nicht kompatible 3-semestrige BWL-Masterstudium ist eingestellt. Die Folgen sind dramatisch: Vor allem junge qualifizierte Frauen verlassen in großer Zahl die Lausitz um an Hochschulen in Chemnitz und Freiberg ein Masterstudium aufzunehmen. Viele von Ihnen werden in Sachsen Leben, Arbeiten und ihre Kinder bekommen, während Brandenburg und insb. die Lausitz der zunehmenden Alterung der Bevölkerung und dem steigenden Fachkräftemangel nichts entgegenzusetzen hat.

Die öffentlich vom Präsidenten der HS Lausitz geforderte Selbstauflösung der Hochschule ist beschämend, zumal wir im vergangenen Jahr unser 20jähriges Bestehen gefeiert und dabei auf unsere beachtlichen Erfolge, vor allem in der Region, verwiesen haben. Und jetzt schaffen wir uns selbst ab - weil wir so erfolgreich waren?

Gern und häufig verweist der Präsident der Hochschule Lausitz auf das in einem Gutachten festgestellte angebliche universitäre Niveau "seiner" Biotechnologie, die fast alle Gäste unserer Hochschule in den vergangenen Jahren besuchen mussten. Als ob der Präsident seine anderen Studienangebote nicht kennt, wurde selbst die Einweihung des neuen Laborgebäudes für Physiotherapie und Medizintechnik nicht in diesem, sondern in dem der Biotechnologie gefeiert, was von Herrn Prof. Schulz wiederum zum Anlass genommen wurde, auf die erfolgreiche Biotechnologie zu verweisen.

An der Hochschule Lausitz gibt es ein breites etabliertes Angebot von Studiengängen, mit engagierten Professoren, die auf vielfältige Weise mit der Region verknüpft sind und zu deren Entwicklung beitragen, die eine individuellere Betreuung der Studenten gewährleisten, wie dies an einer Universität nicht möglich ist und die bei unseren Studierenden die Grundlage für eine erfolgreiche beruflichen Einstieg insbesondere in kleinen und mittleren Unternehmen legen. Und das alles sollen wir jetzt für eine aufgrund bisheriger Erfahrungen mit Hochschulfusionen schlechtere, zumindest aber unsichere Zukunft aufgeben?

Im Rückblick habe ich über einen Zeitraum von 22 Jahre an verschiedenen Universitäten gelehrt, aber berufen fühle ich mich an eine Fachhochschule, in einer Region, in der ich auch lebe. Wenn ich die berufliche Entwicklungen meiner Absolventen verfolge, bin ich stolz auf das von uns in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten Geleistete. Würden die Pläne der Landesregierung zur Schaffung einer Gesamthochschule Realität werden, gäbe es viele Verlierer: die Studierwilligen, die Studenten, die Hochschulmitarbeiter, die Unternehmen, die Familien der Studenten, deren Kinder die Region verlassen … die Lausitz.

Einige meiner Kollegen erhoffen sich eine vermeintliche Aufwertung zum "Universitätsprofessor". Ich bin stolz darauf an meiner Hochschule Lausitz zu lehren und stehe neben - nicht unter - meinen Kollegen von der BTU im Ringen um den Erhalt unserer beiden Hochschulen mit ihren verständlichen unterschiedlichen Bildungs- und Forschungsangeboten. Es wäre schlimm, das zu verlieren.