Der Reitsport in Deutschland boomt. Fünf Milliarden Euro Umsatz macht die Branche im Jahr. Eine große Rolle spielt dabei auch der Export. Um den Bedarf an Fachpersonal zu decken, hat die Universität Göttingen jetzt den Masterstudiengang Pferdewissenschaften eingerichtet. "Das ist der erste Studiengang dieser Art in Europa", sagt Professor Erich Bruns vom Institut für Tierzucht, wo man sich bereits seit 1970 mit der Haltung und Zucht von Sportpferden befasst.
Damals sei die Stimmung unter den Pferdezüchtern allerdings eher getrübt gewesen, sagt Bruns. Immerhin sei die Zahl der Pferde in Deutschland seinerzeit rapide gefallen. Von 1950 bis 1970 sank sie von 2,5 Millionen auf 400 000 Tiere, weil die Mechanisierung der Landwirtschaft das Arbeitspferd überflüssig machte. Erst der Reitsport, der aufgrund steigender Einkommen für immer mehr Menschen erschwinglich wurde, habe die Wende gebracht, sagt der Professor.
Mittlerweile gibt es in Deutschland wieder 1,1 Millionen Pferde. Damit hätten sich auch die Zuchtziele verändert, sagt Bruns. Arbeitspferde müssten kräftig gebaut sein. Bei Sportpferden komme es dagegen auf Schnelligkeit und Sprungfähigkeit an.
Niedersachsen sei bei der Zucht von Sportpferden weltweit führend, betont Bruns. Der Bedarf an Fachkräften in Zucht und Haltung, aber auch in der Futtermittelindustrie, bei Beratungsfirmen oder Turnierveranstaltern steige. Schließlich geht es nicht zuletzt um beträchtliche Werte. Die besten Jungpferde brächten es bei Auktionen auf 100 000 Euro, manche sogar auf eine Million Euro, sagt Bruns.
Bislang habe die Universität Göttingen Diplom-Agraringenieure ausgebildet, die aber kaum über Spezialkenntnisse verfügten, sagt Bruns. Vor zehn Jahren bot sein Institut erstmals ein Modul Pferdewissenschaften an. Nun entstand durch Umschichtung von Mitteln innerhalb der Fakultät ein eigener Aufbaustudiengang. "Mit ihm kann sich Göttingen im schärfer werdenden Wettbewerb zwischen den Universitäten besser positionieren", erläutert der Wissenschaftler. Die Landesregierung unterstützt das Angebot, um Niedersachsens Image als Pferdeland zu stärken.
Für das neue Angebot hatten sich zum Wintersemester rund 90 Interessenten beworben. 33 von ihnen wurden schließlich immatrikuliert, darunter 18 Frauen. Eine von ihnen ist die 24-jährige Wiebke Pirsich. Sie reite bereits seit ihrem achten Lebensjahr und habe bereits als Mädchen von einem Arbeitsplatz in der Pferdebranche geträumt, sagt sie.
Alle Studenten müssen vor dem viersemestrigen MasterStudiengang Pferdewissenschaften bereits Agrarwissenschaften, Biologie oder Veterinärmedizin studiert haben. Sie wolle in Göttingen vor allem ihre Kenntnisse in Anatomie, Züchtung, Ernährung, Training und Verhaltenskunde vertiefen, sagt Pirsich.
Bei der Ausbildung der künftigen Pferdespezialisten arbeiteten die Göttinger eng mit der Tierärztlichen Hochschule Hannover, der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft und der Deutschen Reiterlichen Vereinigung zusammen.