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| 02:48 Uhr

Hochschul-Forscher Pasternack: "Wir brauchen regionale Bastionen der Forschung"

Auf Mittwochsdemos prangern Studenten und Mitarbeiter der BTU die geplante Fusion mit der Hochschule Lausitz (FH) in Senftenberg an. Hochschulforscher Prof. Pasternack begründet, warum für ihn das Modell Gesamthochschule "nicht negativ belegt" ist. Foto: ZB
Auf Mittwochsdemos prangern Studenten und Mitarbeiter der BTU die geplante Fusion mit der Hochschule Lausitz (FH) in Senftenberg an. Hochschulforscher Prof. Pasternack begründet, warum für ihn das Modell Gesamthochschule "nicht negativ belegt" ist. Foto: ZB FOTO: ZB
Cottbus. Aus zwei armen wird durch Fusion kein reiches Bundesland. Und aus zwei schwachen Hochschulen entsteht bei einer Zusammenlegung keine starke Universität. Dennoch hat die beabsichtigte Neugründung einer Lausitz-Universität für Peer Pasternack eine Chance. "Wenn nachvollziehbare Kriterien angewandt werden und regionale Bastionen der Forschung entstehen", sagt der Direktor des Instituts für Hochschulforschung Halle-Wittenberg im RUNDSCHAU-Interview. Mit Peer Pasternack sprach Christian Taubert

Herr Professor Pasternack, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie erstmals von der beabsichtigten Hochschul-Fusion in der Lausitz gehört haben?
Da ist mir sofort Lüneburg, die fusionierte Leuphana Universität, eingefallen. Und natürlich das Stichwort Gesamthochschule, also die Verbindung von Universität und Fachhochschule in einer Einrichtung. Als historisch interessierter Fachmann kennt man die Bestrebungen aus den 1970er-Jahren, die Gesamthochschule zum Regelmodell machen zu wollen.

Das ist, bis auf Ausnahmen, aber nicht gelungen. . .
Dennoch ist das Modell der Gesamthochschule für mich nicht negativ belegt. Ich will das begründen, weil es auch für die Lausitz Relevanz hat: Ist ein Fusionspartner in seiner Liga ein leistungsstarker, dann halte ich ein Zusammengehen für erwägenswert. In Lüneburg wurde eine vergleichsweise nicht so starke Universität mit einer sehr starken Fachhochschule zusammengeschlossen. Und das Projekt ist gelungen.

Wann raten Sie ab?
Aus zwei schwachen Hochschulen eine starke entstehen zu lassen, funktioniert nur, wenn das Land einen deutlichen Aufwuchs der Mittel beisteuern würde. Das sehe ich in Brandenburg aber eher nicht.

Gibt es für Sie weitere Indikatoren, die für eine Fusion sprechen?
Ein zweiter Aspekt wäre: Sind die Partner etwa bei Anzahl der Professuren oder im Fächerspektrum auf einem Niveau, wo jeder für sich qualitativ nicht vorankommt, dann kann eine Fusion durchaus sinnvoll sein.

Fusionsbefürworter sprechen von der Chance, in der Lausitz eine Universität der Zukunft zu schaffen. Zwingt der demografische Wandel - gerade im Osten - zusätzlich zum Handeln?
Ein Gutachten des HIS-Institutes für Hochschulforschung sagt für Brandenburg voraus, dass es keine Schwierigkeiten mit Studienbewerbern geben wird. Das ist für Brandenburg mit seinen vergleichsweise wenigen Studienplätzen auch gar nicht so kompliziert. Hier verlässt sich das Land stark auf Berlin.

Stichwort Universität der Zukunft. . .
Hier muss definiert werden, welche Leistungen man von einer solchen Universität erwartet. Meine These ist: Wir brauchen regionale Bastionen der Forschung, die dort entstehen sollten, wo deren Themen eine zentrale Rolle spielen. Also bei einer Energie-Universität die Themen Energie der Zukunft oder Klimawandel. Solche Bastionen können aber nur geschaffen werden, wenn Forschungspotenziale zusammengeführt werden. Ich will mich hier nicht auf eine Seite der Lausitz-Debatte schlagen. Fakt ist aber: Es muss darüber anhand von nachvollziehbaren Kriterien diskutiert und entschieden werden.

Unter gleichberechtigten Partnern. . .
Ja, sicher. Wir sind in Deutschland noch immer in dem Denken verhaftet, dass Fachhochschulen die geringer- und Universitäten die höherwertigen Einrichtungen seien. So verstehe ich auch die Debatte in der Lausitz, wo die Senftenberger eine Aufwertung erhoffen, und Cottbus eine Abwertung befürchtet. Davon aber muss man sich lösen. Die starren Grenzen sind mit dem Bologna-Prozess lange aufgebrochen. Praxisorientierung im Studium zum Beispiel wird längst von beiden angeboten.

Sollte die Fusion in der Lausitz auch gegen den Willen der Betroffenen vollzogen werden?
Da führe ich noch einmal Lüneburg an, wo die Vereinigung gegen den Willen der Universität erfolgt ist. Zunächst jedenfalls. Als das Land Niedersachsen klipp und klar gesagt hat, dass sich die Uni allein nicht halten könne, begann ein Einlenken. Auf die Lausitz bezogen müsste die Frage beantwortet werden, ob langfristig zwei Hochschulen bestehen können. Wenn es in Zukunft in der Region selbst nicht genügend Studienbewerber gibt, denn muss die Quote der Importstudierenden um mindestens 15 Prozent und langfristig mehr gehoben werden. Und das ist nur durch höhere Attraktivität zu schaffen.

Können Sie sich vorstellen, dass der neue Name "Energie-Universität Lausitz" Zugkraft hätte?
Dahinter steckt die Idee der Profilbildung. Was ich grundsätzlich für sinnvoll halte. Nun waren BTU und Hochschule Lausitz bisher nicht profillos. Offenbar aber beabsichtigt die Ministerin, vorhandene Profilierungen sichtbarer zu machen. Zudem könnte mit diesem Zukunftsthema für die Menschheit die Wahrnehmbarkeit einer gemeinsamen Uni erhöht und ein Alleinstellungsmerkmal verankert werden, das es bislang bei Hochschulen nicht gibt.

Was schlussfolgern Sie daraus?
Dass auf den Tisch kommt, wie stark und überzeugend die Vorschläge der Ministerin sind. War es also nur so eine Idee oder gibt es argumentative Grundlagen, die für eine Fusion sprechen?

Fusionsgegner unterstellen der Landesregierung, mit der Verschmelzung von BTU Cottbus und Hochschule Lausitz Sparziele zu verfolgen. Wie bewerten Sie einen solchen Ansatz?
Bei jedem anderen ostdeutschen Bundesland würde ich sagen, dass es nicht ganz abwegig ist, über Einsparungen im Hochschulbereich nach 2020 nachzudenken. Immerhin haben die fünf ostdeutschen Länder nach Auslaufen des Solidarpaktes und weiterer Sonderkonditionen etwa 20 bis 30 Prozent weniger Geld zur Verfügung. Aber während Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern seit 1990 einen Ausgabenschwerpunkt bei Bildung und Forschung gesetzt haben, trifft das auf Brandenburg nicht zu. Das Land ist ein Ausnahmefall. Noch heute gibt etwa das auch nicht sehr reiche Sachsen-Anhalt 100 Euro pro Kopf der Bevölkerung für Forschung und Hochschulen aus, Brandenburg nur 70 Euro - berechnet ohne Hochschulmedizin, die es in Brandenburg ja nicht gibt. Dieser Unterschied ist eklatant. Brandenburgs Ausstattung für Forschung und Hochschulen ist unterkritisch. Da gibt es nichts zu kürzen. Der Trend, dass sich Brandenburg bei der Versorgung der Landeskinder mit Studienplätzen und der Wirtschaft mit Akademikern auf andere Bundesländer verlässt, würde sich fortsetzen.

Gibt es neben Lüneburg noch weitere gelungene Hochschulfusionen bundesweit?
Aus den letzten Jahren gibt es noch die Vereinigung der Universitäten Duisburg und Essen. Dort ging es vorrangig um Einsparungen in der Verwaltung. Lüneburg dagegen, wo eine eher forschungsschwache Uni mit einer forschungsstarken Fachhochschule zusammenging, scheint mir aber ein Beispiel für die Lausitz zu sein. Diese Fusion hat sich letztlich als ein Glücksfall für beide Einrichtungen herausgestellt. Dort ist ein vorbildhaftes neues Studienmodell entstanden - mit College-Phase vor dem Basisstudium, in dem man noch nicht ein einzelnes Fach studiert. Und das setzt sich in Lüneburg auch im weiteren Studium fort. Damit ist die Universität auch überregional attraktiv geworden.

Haben Sie einen Rat für die Lausitz parat?
Ich würde als Hochschule einen Plan A und einen Plan B entwickeln. Plan A: Es müsste ein sehr offensiver Plan einer abgestimmten Hochschul-Kooperation, die so sehr bemängelt wird, vorgelegt werden. Der muss aber deutlich über den Grad der Kooperation hinausgehen, der noch vor zwei oder drei Jahren akzeptiert worden wäre. Ich sage aber auch: Mit Plan B sollte man gleichzeitig auch auf eine Fusion vorbereitet sein. Über diesen Plan muss man aber nicht öffentlich reden.

Zum Thema:
Das Institut für Hochschulforschung Halle-Wittenberg (HoF) ist das einzige Institut, das in den ostdeutschen Bundesländern Forschung über Hochschulen betreibt. Deshalb hat die RUNDSCHAU dessen Direktor, Prof. Peer Pasternack, als unabhängigen Gesprächspartner zum Interview über die geplante Hochschulfusion in der Lausitz gebeten. Pasternack (49), der an der Universität Leipzig Politikwissenschaften studiert hat, war von 2002 bis 2003 Staatssekretär für Wissenschaft im Berliner Senat und ging danach als Forschungsdirektor an das HoF.Obwohl sich aus der Regionalität des Instituts besondere Projekt- und Anwendungsbezüge ergeben, beschränkt man sich nicht auf die Untersuchung regionaler Entwicklungen. 1996 gegründet, wird das Institut vom Land Sachsen-Anhalt getragen. Es ist als An-Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg assoziiert.