Sie gaukelten den bis zu drei Millionen Besuchern das Bild eines friedensbeseelten, harmlosen Deutschlands vor.
Die deutsche Hauptstadt summte wie ein Bienenkorb. Die Clubs, Caféhäuser, Theater und Opern waren proppevoll, vielerorts Musik und Tanz, und die meisten Reporter kabelten begeisterte Berichte über die weltoffene Stimmung in ihre Heimatländer. Die Masse feierte. Die Boulevards der Stadt boten ein Fahnenmeer.
Auch sportlich ging der Coup der Nazis auf: Erstmals holte Deutschland mit 33 Gold-, 26 Silber- und 30 Bronzemedaillen Platz 1 der Nationenwertung. Im Rückblick zählt dies für den Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach, jedoch nicht viel. Die wichtigste Lehre aus den politisch missbrauchten Spielen sei es eben, dass sich der Sport nicht von der Politik vereinnehmen lassen dürfe. "Und das besonders schöne Signal von Berlin 1936 ist, dass der schwarze Jesse Owens der wahre Star der Spiele war", sagte Bach gestern. Owens gewann ganz gegen die Nazi-Vorstellung von der Überlegenheit der weißen Rasse viermal Gold.
Im Vorfeld und im Schatten von Hitlers "perfekten" Spielen waren längst die ersten Konzentrationslager mit jüdischen Opfern gefüllt. Alle in Berlin lebenden Sinti und Roma waren an den Stadtrand nach Marzahn ausquartiert worden. Die erste Boykott-Welle gegen jüdische Geschäfte, die ersten staatlich organisierten Pogrome waren Realität und die Nürnberger Rassegesetze beschlossen.
Und doch scheiterten sämtliche Bestrebungen, vor allem in Frankreich und den USA, die Spiele in Berlin auszusetzen. Nur die Teams des damaligen Irischen Freistaats und Palästinas blieben fern. Auch Literat Heinrich Mann kämpfte Anfang Juni 1936 auf einer Konferenz zur Verteidigung der olympischen Idee in Paris vergebens, als er sagte: "Ein Regime, das sich stützt auf Zwangsarbeit und Massenversklavung, ein Regime, das den Krieg vorbereitet und nur durch verlogene Propaganda existiert, wie soll ein solches Regime den friedlichen Sport und freiheitliche Sportler respektieren?"
Tatsächlich widersprach der Kern der olympischen Bewegung mit ihren völkerverbindenden Idealen den nationalistischen Interessen der NSDAP. Dennoch garantierte die Hit ler-Diktatur dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) den freien Zugang "für alle Rassen und Konfessionen" in das deutsche Olympiateam sowie die Duldung eines politisch unabhängigen Organisations-Komitees. Alibi-Starter als Halb-Juden waren bei den Winterspielen 1936 in Gar misch-Partenkirchen der Eishockeyspieler Rudi Ball und im Sommer die Fechterin Helene Mayer sowie der als Kommunist geltende, 1944 ermordete Ringer Werner Seelenbinder.
Bei genauerem Hinsehen wären von den Beo bachtern aus aller Welt möglicherweise noch andere bedrohliche Zeichen der herannahenden Schreckenszeit zu erkennen gewesen. Propagandachef Joseph Goebbels und Hitler selbst konnten der Verführung zum Monumentalen, zum Körper- und Feuer-Kult der Nazis nicht widerstehen.
Sie errichteten das gigantische Mai-Feld, das protzige Olympiastadion, die Langemarck-Halle mit ihren Säulenbauten. Zur Vorführung von Größe gehörten auch der erstmalige Fackellauf und ein imposanter Lichtdom über der Stadt. Leni Riefenstahl jubilierte in ihren historischen Olympia-Filmen über die Muskelspiele unter Lorbeerkränzen und unterlegte die schwülstigen Szenen mit einem Musik-Teppich aus reinem Pathos.
Nicht in ihre und die Regie Hitlers passte der Superstar Jesse Owens. Der schwarze Amerikaner gewann über 100 m und 200 m, mit der 4 x 100 m-Staffel und lieferte sich beim Weitsprung-Sieg mit dem weißen Helden Lutz Long das größte sportliche Duell der Spiele. Nur in der Weitsprung-Grube versagte die Kontrollwut der Nazis. Bis heute wirken, als Gegenstück zum grundsätzlichen politischen Missbrauch der Spiele von Berlin, diese bewegenden Szenen der Sportler-Freundschaft zwischen Owens und Long nach. Bei der Wiedereröffnung des für die Fußball-WM sanierten Olympiastadions entzündeten im August 2004 Enkelinnen von Owens und Long noch einmal das Olympische Feuer in Berlin.