Wenn Bürgermeister Holger Schreiber von seinem Olympischen Dorf spricht, gerät er ins Schwärmen. „Es ist das einzige funktionierende Dorf seiner Art in ganz Deutschland“, sagt er und versucht dabei stets, den Fokus auf den sportlichen Aspekt zu legen, mit dem Deutschland unter nationalsozialistischem Regime weltweit die Augen auf sich zog. „Die Spiele sind politisch missbraucht worden, aber der Sport stand hier eindeutig im Vordergrund“, sagt Schreiber.

Der viermalige Goldmedaillengewinner Jesse Owens aus den USA war in Elstal untergebracht – im heute noch erhaltenen „Haus Meißen“, einer der Sportlerunterkünfte mit acht bis 13 Zweibettzimmern. Die Anlage war zu ihrer Zeit konkurrenzlos. Nicht allein wegen der Mischbatterien, die es zuvor an Wasserhähnen noch nie gegeben hatte.

Studenten der BTU Cottbus-Senftenberg hatten vor einigen Jahren bereits das Olympische Dorf in Elstal virtuell wiederbelebt.

„Im Hindenburghaus beispielsweise sind erstmals Wettkämpfe aus Berlin live übertragen worden“, erzählt Schreiber. Es war eine von insgesamt 27 Fernsehstuben in ganz Deutschland. Das Dorf, in dem die männlichen Olympioniken untergebracht waren – die 238 Sportlerinnen wohnten in der Nähe des Olympiastadions – ist nach zwei Jahren Planung und Bauzeit im Juli 1936 offiziell übergeben worden und war nach Aussagen von Gästeführer Bernd Redder so konzipiert, dass es ohne große Anstrengungen nach Ende der Spiele als Militärakademie genutzt werden konnte. In den eindrucksvollsten Bau, das geschwungene Speisehaus der Nationen, das von oben betrachtet die Form einer Ellipse hat, wurden nach Ende der Spiele Kranke gepflegt, bevor es mit Kriegsbeginn zu einem Lazarett umgebaut worden ist. „Würde man eine Gerade durch diese Ellipse ziehen, träfe sie genau auf den Glockenturm im Olympiastadion“, erklärt Redder den Besuchern.

Vom einstigen Dorf der Olympischen Sommerspiele von 1936 sind immerhin noch einige halbwegs erhaltene Ruinen wie eben das Speisehaus der Nationen, das frühere Schwimmbad oder Mannschaftsunterkünfte übrig geblieben. Nachdem über Jahrzehnte lediglich neugierige Gäste, nach Aussagen des Bürgermeisters vermehrt vor allem in Zeiten von Olympischen Spielen, eine Führung auf dem 55 Hektar großen Gelände gebucht haben, ist es derzeit mit der dörflichen Idylle vorbei. Nach den Olympioniken, den deutschen und nach dem Zweiten Weltkrieg russischen Soldaten werden bald Zivilisten hier einziehen, auch im Speisehaus der Nationen, das nach Aussagen des  Bürgermeisters inzwischen entkernt ist und in dem 110 Wohnungen entstehen werden. Im ersten Bauabschnitt, sagt Schreiber, werden hier 450 Wohneinheiten gebaut, darunter Mehrfamilienhäuser im Stil der früheren Sportlerunterkünfte um das Speisehaus der Nationen herum. 2021 könnten die ersten einziehen. Am Ende rechnet er mit 3000 zusätzlichen Einwohnern, die das Olympische Dorf bevölkern werden – derzeit sind es 9400 in Wustermark. Der Denkmalcharakter, versichert Schreiber, bleibe erhalten, darauf achte die Gemeinde gemeinsam mit der Stiftung der Deutschen Kreditbank (DKB) als Eigentümerin des Olympischen Dorfes. „Mit der Bebauung werden wir auch ein museales Konzept entwickeln und das Dorf in modernster Form mit digitalen Medien erlebbar machen“, verrät Schreiber.

So wie Wustermark durch die Geschichte für die Zukunft profitiert, glaubt der Bürgermeister auch, dass eine Olympia-Bewerbung Berlin jede Menge Auftrieb geben könnte. Die Infrastruktur würde sich maßgeblich mit der Ausrichtung von Olympischen Spielen verbessern. „Die Hauptstadtregion wächst mit einer Dynamik, dass der Verkehr damit überfordert ist“, sagt Schreiber. Die Olympiade sei ein Anlass, dieses Problem anzugehen.

Überraschend und ganz uneigennützig ist seine Pro Olympia-Berlin-Haltung nicht: Schließlich würde bei Olympischen Sommerspielen im Jahr 2036 unweigerlich auch das Olympische Dorf in Wustermark wieder in den Fokus rücken. Und das, sagt der Bürgermeister, sei auch gerechtfertigt. „Es ist schließlich ein Denkmal von nationaler Bedeutung.“