Beyler hatte Mitte März unter dem Eindruck der Missbrauchsfälle in Berlin und in den alten Bundesländern Betroffene aufgerufen, über entsprechende traumatische Erlebnisse in DDR-Heimen zu berichten. Bislang haben sich 25 Männer und Frauen bei ihr gemeldet. „Wir müssen die Fälle für Ost und West zeitgleich aufklären“, forderte die Gedenkstätten-Chefin.„Wenn es so etwas in den DDR-Kinderheimen gegeben hat, wären die Stasi-Akten eine sichere Quelle“, sagte der Leiter der Leipziger Stasi-Gedenkstätte „Runde Ecke“, Tobias Hollitzer. Allerdings kenne er selbst nicht den Inhalt aller Akten. Um in diese Einblick zu nehmen, könnten etwa Journalisten oder Wissenschaftler einen Antrag stellen.

Die 25 ehemaligen Heimbewohner, die sich bisher bei Beyler und dem Bundestagsabgeordneten Manfred Kolbe (CDU) meldeten, sprachen von massiven sexuellen Übergriffen ihrer Erzieher. „Die Opfer waren damals zwischen 6 und 17 Jahren alt und heute zwischen 40 und 50“, sagte Beyler. „Es ist wichtig, auch diesen Teil der Vergangenheit, der in den Heimen passiert ist, aufzuklären.“ Der Missbrauch sei aber nur eine Facette dessen, was den Kindern und Jugendlichen in den Heimen angetan worden sei. „Es wurde auch versucht, Kinder mit Psychopharmaka „ruhigzustellen““, sagte Beyler.

Die Gedenkstättenleiterin und der CDU-Politiker haben Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) in einem Brief aufgefordert, Vertreter der Gedenkstätte Torgau am geplanten Runden Tisch zur Aufarbeitung der sexuellen Übergriffe zu beteiligen, der am 23. April erstmals tagen soll.

Rund 4000 Jugendliche haben die Erziehungseinrichtung in Torgau, die einem Gefängnis ähnelte, zwischen 1964 und 1989 durchlaufen. Heute ist der ehemalige Jugendwerkshof eine Gedenkstätte. Jugendwerkhöfe hat es in der Lausitz auch in Finsterwalde im Elbe-Elster-Kreis, in Freienhufen im Landkreis Oberspreewald-Lausitz und in den Schlössern Groß Leuthen und Fürstlich Drehna im Landkreis Dahme-Spreewald gegeben.

Zuletzt gab es in der DDR 474 staatliche Heime: „Normalkinderheime“, „Durchgangsheime“ und „Spezialheime“. Am meisten Unrecht geschah in den Spezialheimen, zu denen auch der geschlossene Jugendwerkhof Torgau zählte. In diese Heime wurden Kinder und Jugendliche eingewiesen, die dem Ideal der sozialistischen Jugend nicht entsprachen und sich in das System nicht einordnen wollten; also etwa Schulschwänzer. Die Heime hatten den Auftrag, diese „Problemkinder“ zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ umzuerziehen - durch strenge Disziplin und erzwungene Einordnung in das Kollektiv.

Gelang dies nicht, wurden Jugendliche in den geschlossenen Jugendwerkhof nach Torgau gebracht, wo sie zunächst drei Tage Einzelarrest bekamen. Persönliche Gegenstände durften in den Jugendwerkhof nicht mitgenommen werden, die Haare wurden ihnen kurz geschoren.