Jana (Name geändert) bringt ihre Vergangenheit in einem Satz unter: "Ich habe jedem auf die Fresse gehauen." Deshalb sei sie seit fünfzehn Monaten im "Haasenburg"-Heim in Jessern am Schwielochsee in geschlossener Unterbringung.

Jana ist ein sportliches Mädchen, groß gewachsen, fast 17 Jahre alt. In ihrem Zimmer hängen neben Postern Medaillen von Sportwettkämpfen. Vor der "Haasenburg" war sie mehrere Monate in Bayern geschlossen untergebracht. In drei Monaten darf sie zurück nach Süddeutschland. "Ich habe meine Aggressionen jetzt unter Kontrolle", sagt sie. Vor der künftigen Freiheit habe sie jedoch etwas Angst.

Ist Janas Geschichte für die Arbeit der "Haasenburg" repräsentativ? Niemand kann das im Augenblick sagen. Denn seit Mitte Juni erheben ehemalige Bewohner schwere Vorwürfe gegen die Einrichtung. In dem privat betriebenen Jugendhilfeheim mit drei Standorten in Brandenburg sollen Bewohner misshandelt, gequält und gedemütigt worden sein. Die meisten Vorfälle sollen sich in Jessern abgespielt haben.

Wer sich auf der Suche nach Aufklärung auf den Weg in das "Haasenburg"-Heim in Jessern macht, erfährt nicht viel. Vor dem zwei Stockwerke hohen, langgezogenen Bau gibt es gepflegte Blumenrabatten. Hinter dem Haus glitzert der Schwielochsee. Das Hoftor kann jeder öffnen. Die gläserne Haustür ist verschlossen. Besucher müssen klingeln.

An der Giebelseite des Hauses, wo es tief in einen Kellerschacht hinab geht, ist in halber Höhe ein kräftiges grünes Netz gespannt. 2008 gab es dieses Netz noch nicht. Da stürzte ein Mädchen an dieser Stelle in den Tod. Untersuchungen der Staatsanwaltschaft ergaben damals kein Verschulden der Heimmitarbeiter. Der Fall wird nun erneut geprüft.

Susanne Zscherpe ist pädagogische Leiterin der drei "Haasenburg"-Häuser. Eine resolute 34-Jährige mit Tattoos auf den Oberarmen. Zu konkreten in der Öffentlichkeit erhobenen Vorwürfen dürfe sie leider nichts sagen. Alle Informationen über Heimbewohner unterlägen dem Datenschutz. Zscherpe bedauert das: "Ich würde gern erklären, wie es zu gewissen Situationen kam."

Auskunftsfreudiger ist sie über die Fixierliegen, die bis 2010 in der "Haasenburg" benutzt wurden. Einer der Anzeigenerstatter war nach seinen Angaben zwei Tage lang dort festgeschnallt. "Das Landesjugendamt hat von Anfang an von diesen Liegen gewusst, die waren Teil unserer Betriebserlaubnis", so die pädagogische Leiterin. Benutzt worden seien die Liegen nur jeweils kurz, jeder Einsatz genau protokolliert. Seit der Abschaffung der Liegen würde jetzt häufiger der Notarzt gerufen und Jugendliche vorübergehend in die psychiatrische Klinik in Lübben gebracht.

Das Brandenburger Bildungsministerium, dem das Landesjugendamt als Aufsichtsbehörde der "Haasenburg" untersteht, bestreitet diese Darstellung. "Es gab für diese Liegen nie eine Genehmigung, das war nicht Teil der Betriebserlaubnis", so Ministeriumssprecher Stephan Breiding.

Der Antiaggressionsraum ist bei einem kurzen Rundgang durch das Heim tabu. Hierher kommen Jugendliche bei einer "körperlichen Begrenzung". Susanne Zscherpe versichert jedoch, dass nur etwa zehn Prozent der Jugendlichen während ihres Aufenthaltes diese körperliche Überwältigung durch mehrere Mitarbeiter erfahren. Nur bei Selbstgefährdung oder Angriffen gegen Mitarbeiter würde zu diesem letzten Mittel gegriffen. Die Belegschaft würde dafür regelmäßig geschult.

Ein ehemaliger, langjähriger Mitarbeiter bestätigt das. Politikern, die jetzt über die "Haasenburg" reden, hält er jedoch Ahnungslosigkeit vor. "Jugendliche, die dort geschlossen untergebracht sind, kommen aus Verhältnissen, die kann man sich nicht vorstellen." Die seien nicht immer nur mit Worten zu überzeugen.

Trotzdem übt der ehemalige Mitarbeiter auch deutlich Kritik an der Haasenburg GmbH. Ein Teil des Personals sei nicht ausreichend qualifiziert, überfordert oder von seiner Persönlichkeitsstruktur her nicht für die Arbeit mit hochproblematischen Jugendlichen geeignet. Die Fluktuation sei hoch.

Den Betrieb solcher Heime als private GmbH hält er prinzipiell für fragwürdig: "Da wird mit viel öffentlichem Geld Gewinn erwirtschaftet." Die "Haasenburg" verlangt bis zu 10 000 Euro pro Monat für einen geschlossenen Platz. Der Bund lässt solche Einrichtungen in privatwirtschaftlicher Hand zu.

Thomas Pap ist niedergelassener Kinder- und Jugendpsychiater. Als Gutachter hat er inzwischen 48 Kinder und Jugendliche in der "Haasenburg" untersucht, um fachlich über die Notwendigkeit einer längeren geschlossenen Unterbringung zu urteilen. Nur in wenigen Einzelfällen sprach er sich dagegen aus.

"Die bringen schon solche Akten mit." Pap zeigt mit beiden Händen einen etwa 30 Zentimeter hohen Stapel. Viele dieser Kinder und Jugendlichen hätten "erhebliche Störungen" und bereits Aufenthalte in der Psychiatrie und in offenen Jugendhilfeeinrichtungen hinter sich.

Für eine kleine Klientel sei eine geschlossene Unterbringung nötig, so der Facharzt: "An die kommt man anders nicht mehr heran." Deshalb werde es auch künftig solche Einrichtungen wie die "Haasenburg" geben. Bundesweit hat sich die Zahl der geschlossenen Jugendhilfe-Plätze seit 2008 von 260 auf 390 erhöht.