Es sieht aus wie eine beeindruckende Oldtimer-Parade. Die Ampel schaltet auf Grün und mit dumpf brummenden Motoren setzen sich die uralten Kisten aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts in Bewegung. Es riecht nach Auspuff.

Dazu eine Kulisse wie im Film. Der morbide Charme einer einst wohlhabenden Stadt, bunte Häuserfronten, an deren Fassaden der Putz bröckelt. Aus den Altstadtkneipen dringen karibische Klänge auf die Straße, im Innern bewegen sich tanzende Paare aufreizend lasziv zu den Rhythmen der Musiker. Ein zauberhafter Vorhang aus Rum und Zigarrenqualm versüßt den Gästen den Aufenthalt. Das ist Havanna, Kubas Hauptstadt.

Havanna ist eine Stadt mit Charakter, gelegen an der Küste einer sonnigen und grünen Insel mitten in der Karibik, erfüllt mit so viel Lebendigkeit, dass es verwundert, dass es sich ausgerechnet hier um eine der letzten Bastionen des Ein-Parteien-Kommunismus handeln könnte.

Die Zeichen in Kuba stehen seit dem Wandel in der US-Politik auf Entspannung. Die diplomatischen Beziehungen zwischen den verfeindeten Ländern kommen in Gang, erste Einschränkungen im Handel werden aufgehoben. Das könnte Kubas Märkten helfen, wo nicht das Angebot, sondern der Mangel den Ton angibt. So im Tourismussektor, der heute schon fast drei Millionen Gäste anzieht. Es könnten wesentlich mehr sein, wenn die Angebote für verwöhnte Reisende aus reichen Ländern vielschichtiger und komfortabler wären.

Ein Mann wie Ricardo würde von einer Öffnung sicherlich profitieren. Der Mittvierziger arbeitet in der Tourismusbranche. Er kellnert in einem Restaurant. Gleichzeitig ist er unternehmerisch unterwegs - in der kubanischen Schattenwirtschaft. Weil er beim Trinkgeld nicht auf die Großzügigkeit der Touristen vertraut, bietet er seinen Gästen - meist Urlauber - vor der Bezahlung eine kleine Zaubershow. Er lässt Dinge verschwinden, die an einem unerwarteten Ort wieder auftauchen, und drückt Zigaretten auf der Wäsche seiner Gäste aus, ohne dass ein Brandfleck entsteht. Könnte er aus einer maroden Staatswirtschaft eine florierende Marktwirtschaft zaubern, er bekäme womöglich in der jetzigen Regierung einen guten Job. So aber verdient er sich ein gutes Trinkgeld, das ohne seine Zaubertricks weniger üppig ausfallen würde.

Ricardo fand eine Lücke im kubanischen Sozialismus. Diese Möglichkeit hat nicht jeder. Ein Rentner ist froh, wenn er umgerechnet zehn Euro monatlich bekommt. Ein Akademiker bringt es immerhin auf 40 bis 50 Euro - und das ist schon viel. Eier, Nudeln, Bohnen und Brot gibt es immerhin auf Bezugsschein, aber wer ein Kilogramm Kartoffeln extra haben will, muss zwei Euro hinblättern. Für die Rentnerin wäre das ein Fünftel ihres Monatseinkommens.

Wirtschaftlich steht Kuba schlecht da - Experten behaupten, das Land sei bankrott. Beispiel Landwirtschaft: Mehr als zwei Drittel der Felder Kubas liegen brach, unter anderem, weil die Maschinen fehlen, um die Felder zu bewirtschaften. Das Ergebnis: Obwohl es sich um ein fruchtbares Land handelt, werden 80 Prozent der Nahrungsmittel importiert.

Politisch bewegt sich in Kuba allerdings schon seit mehreren Jahren etwas. Zwar gibt es nach wie vor politische Gefangene. Aber von einem eiskalten stalinistischen Klima ist Kuba weit entfernt. Auch in der Wahrnehmung der Bevölkerung. "Da gibt es einen Unterschied zwischen den Jungen und den Alten", erklärt Katharina Eimermacher, eine Deutsche, die das Land gut kennt. Vor drei Jahren verbrachte sie ein halbes Jahr in Havanna und im November dieses Jahres stellte sie ihre Kenntnisse der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) zur Verfügung. Sie unterstützte die DGVN bei der Organisation einer Studienreise nach Kuba. "Wer in den 70er- oder 80er-Jahren groß geworden ist, also in einer Zeit, als die Repressionen stärker waren, senkt seine Stimme, wenn es um Politik geht. Jüngere Leute tuscheln weniger und sprechen in der Öffentlichkeit viel offener, auch dann, wenn sie Kritik am Staat üben." Die neue Entwicklung verfolgt Eimermacher mit großer Spannung. Die Studentin, die ihre Zukunft in der internationalen Politik sieht und demnächst ein Praktikum bei den Vereinten Nationen absolviert, vermutet, dass der Großteil der Kubaner für eine Veränderung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse ist. Eine Grundskepsis gegenüber den USA aber bleibt - auch bei den Jungen. "Auf der Studienreise traf ich in den späten Abendstunden einen Bekannten. Er war glücklich, weil er bald ausreisen würde. Zu seiner Frau, einer Französin, die er in Kuba kennengelernt hatte. Aber als wir auf die USA zu sprechen kamen, sagte er, er sei der Erste, der zur Waffe greife, wenn die Amerikaner Kuba angreifen würden."

Damit ist - vor allem nach der verkündeten Wende - nicht zu rechnen. Die neue Politik Washingtons wird eher Auswirkungen auf das Innenleben der kubanischen Gesellschaft haben. Bert Hoffmann vom German Institute of Global and Area Studies (GIGA) glaubt an eine fortschreitende Öffnung. Das Feindbild USA wirke in Kuba nach der gemeinsamen Ankündigung des US-Präsidenten Barack Obama und seines Amtskollegen Raúl Castro viel schwächer als zuvor. "Wenn es hier Entspannung gibt, werden die Kubaner auf der Insel womöglich auch im Inneren mehr Entspannung verlangen."