Theatralisch war schon der Beginn. Wie bei einem Sonnenaufgang wurde die Orgel mit ihren dekorativ gemalten, kulissenartig pseudobarocken Schleierbrettern ins rechte Licht gesetzt, und wie flüsternd und verhuscht dahinmurmelnd begann die Musik. Kleine Panne, dann ging es los. Der Organist Stefan Kießling leitete den Abend mit der "Chromatischen Fantasie und Fuge d-moll" von Bach in der Bearbeitung von Max Reger ein. Mit den Fern- und Echowirkungen der rasanten chromatischen Läufe, mit den dynamischen Extremen und Crescendi eignet sich das Werk ideal, auf einer romantischen Orgel wie in der Klosterkirche gespielt zu werden. Junger KomponistDie erste Uraufführung, "Stück für Orgel und Kammerensemble in einem Satz" stammte von dem jungen Komponisten Sven Daigger. Bei seinem Kompositionsstudium in Rostock hatte ihn Martin Schüler entdeckt, der mit Studenten gerade eine Mozart-Inszenierung erarbeitete. Der Ansatz des Werkes ist außerordentlich spielerisch. Sven Daigger benutzt das Orchester als Vorbild und gleichzeitig als Spiegel für die Orgel. Zuerst führt er das Urelement des Orgelspiels ein, die Luft. Die Bläser des Orchesters atmen hörbar durch ihre Instrumente, es klingt, als erwache eine Maschine oder ein gewaltiges Tier zum Leben, bis sich aus den Luftströmen die ersten Töne entwickeln. Alsbald sammeln sie sich zu einem nahezu archaisch stampfenden Tanzrhythmus. Die Orgel nimmt das "Vorbild" des Orchesters an, beginnt zu spielen und probiert eifrig aus: Homofonie, Polyfonie, sie probiert analog zu den Instrumentengruppen des Kammerorchesters die verschiedenen Register. Das ganze Werk schlägt einen großen dynamischen Bogen, bis der triumphale gemeinsame Fortissimo-Klang wieder in sich zusammensinkt und es mit einem letzten Luftschöpfen und Ausatmen endet. Obwohl von ganz anderer geistiger Ausgangsposition her gedacht, gibt es deutlich hörbare Ähnlichkeiten zur zweiten Uraufführung, zu Ulrich Pogodas "Credo für Orgel und Orchester in einem Satz". Auch Pogoda beginnt mit einer Art von Atemholen. Er lässt die Musiker des Orchesters zu Beginn assoziative Wörter und Sätze zu dem Wort "Credo", "ich glaube" sprechen. Erst danach beginnt sich die Musik, ebenfalls assoziativ zum christlichen Glaubensbekenntnis mit Pauken und Glocken, dann erst von der Orgel klanglich dominiert, zu entfalten. Wie ein Weckruf fährt eine Fanfare der hohen Blechbläser auf, kontrapunktiert von weltraumkalten Klängen der Tuba und der Posaunen. Auch Pogodas Werk ist ein großbogig aufgespanntes Crescendo. Es entwickelt sich in zerklüfteten Orchester- und Orgelpartien, dabei immer wieder Assoziationen zum Text des Vorworts weckend. Den umfangreichen langsamen Mittelteil nennt der Komponist "Meditation". Eine pentatonische Melodie kreist in sich, steigert sich dynamisch, bis ungeheure, wiederum blechbläserdominierte Klangwellen den Kirchenraum durchfluten. Auch hier, wie bei Sven Daigger, ein langsames Zurücknehmen der Dynamik, bis das Werk nach einer letzten Steigerung der Spannung wirkungsvoll schließt.Klassisch schöne SonateZwischen die beiden neuen Werke hatte Stefan Kießling die klassisch schöne Sonate Nr. 1 f-moll über den Choral "Was mein Gott will, das g'scheh allzeit" von Felix Mendelssohn Bartholdy gestellt. Der erste Satz mit der Spielanleitung "Allegro moderato e serioso" fing Sven Daiggers verspieltes Werk gut ab, der letzte, "Allegro vivace", bot noch etwas Heiterkeit vor dem ernsten Stück von Pogoda.Marc Niemann leitete das Philharmonische Orchester und hat damit ein hartes Stück Arbeit erfolgreich bewältigt. Die Orchestermusiker auf der Empore hörten einander, bedingt durch die besondere Klangentfaltung im gotischen Kirchengewölbe, kaum. Wer hinter einer Säule saß, sah den Dirigenten so wenig wie der Organist. Ein System von Monitoren und Spiegeln schuf Abhilfe. Das noch schwierigere Problem war die Stimmung der Instrumente. Ein modernes Sinfonieorchester spielt heute mit einem Kammerton a von mehr als 440 Hertz, die 1908 eingeweihte Orgel ist bei 15 Grad Raumtemperatur auf 435 Hertz gestimmt. Saiten- und Blasinstrumente anzupassen ist möglich, aber Marimbafone oder Glockenspiele? Schließlich half es, die Kirche behaglich zu heizen - Unstimmigkeiten waren nicht mehr hörbar und alle Werke konnten optimal musiziert werden.