Der tägliche Aufwand für den Patienten ist gering. Zuerst am Morgen auf die geeichte Waage steigen, dann Blutdruck messen. Danach hält sich der Herzkranke ein kleines Kästchen an die Brust. Die abgerundeten Ecken an der Bodenseite sind Kontakte, die ein EKG aufzeichnen.

Kurz noch an einem kleinen Bildschirm die Tabletteneinnahme bestätigen und das aktuelle Befinden mitteilen. Dann fließen alle Daten sofort an einen Rechner im Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum oder im Städtischen Klinikum Brandenburg an der Havel. Kardiologen überwachen dort rund um die Uhr die Werte und leiten die Informationen an den jeweiligen Hausarzt des Patienten weiter.

Jede Verschlechterung des gesundheitlichen Zustandes wird sofort bemerkt, der behandelnde Arzt kann schnell therapeutisch gegensteuern. Am Mittwoch wurde dieses Telemedizin-Netzwerk in Cottbus offiziell gestartet. Es ist das erste derartige Netz, das nicht nur Testprojekt, sondern dauerhafte Einrichtung im ganzen Land Brandenburg ist.

"Wie betreten hier Neuland, aber wir stellen uns damit auch den Herausforderungen, die durch den Rückgang der Bevölkerung in ländlichen Gebieten bei steigendem Durchschnittsalter auf uns zukommen", sagte Gesundheitsministerin Anita Tack (Linke) in Cottbus. Sie hofft, dass sich außer der AOK auch bald andere Kassen an der telemedizinischen Betreuung von Hochrisiko-Patienten mit Herzschwäche beteiligen. Land und Bund stellten über 1,5 Millionen Euro Fördermittel für die Entwicklung dieses Systems zur Verfügung.

Beteiligt sind daran neben dem Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum und dem Klinikum in Brandenburg/Havel, die AOK Nordost, die Telekom und der Medizintechnik-Hersteller Getemed aus Teltow (Fläming). Die Patienten-Koffer mit Waage, EKG-Gerät, Blutdruckmesser, Datenstation und Notfallhandy sollen zunächst an 500 Brandenburger mit chronischer Herzschwäche (Herzinsuffizienz) verteilt werden.

Deren Lebensqualität und Sicherheit sollen mit der elektronischen Begleitung verbessert, stationäre Krankenhausaufenthalte vermindert werden. "Die Nagelprobe wird die Verbindung des Projektes mit den Fachärzten in der Region", schätzt Frank Michalak, Chef der AOK Nordost, ein. Denn das Telemedizin-System, so betonen alle Beteiligten, kann ärztliche Behandlung nicht ersetzen, sondern nur unterstützen.

Wie umfangreich der Personenkreis ist, der für eine solche telemedizinische Begleitung in der Zukunft infrage kommt, macht er mit zwei Zahlen deutlich. Unter den 1,8 Millionen Versicherten der AOK Nordost sind über 100 000 Herzinsuffizienz-Patienten. Obwohl viele davon schon im fortgeschrittenen Alter sind, sieht Professor Michael Oeff, Chefarzt im Klinikum in Brandenburg/Havel, darin kein Problem.

In seiner Klinik wurden bereits längerfristige Tests mit der Datenerfassung durch die Herzkranken selbst erfolgreich absolviert. "Entweder steigen die Patienten gleich wieder aus, oder es funktioniert gut", so die Erfahrung von Oeff. Auch Jürgen Krülls-Münch, Chefarzt der Kardiologie in Cottbus, ist optimistisch: "Wenn man den Patienten das richtig erklärt, dann reagieren sie positiv."

Beobachtet werden können mit dem selbst aufgenommenen EKG Herzrhythmusstörungen. "Einen Infarkt können sie damit nicht diagnostizieren", nennt Professor Oeff die Grenze der Ferndiagnostik. Doch für die Patienten, gerade in ländlichen Gebieten, sei der Nutzen groß. Sie ersparten sich lange Wege für häufige Arztbesuche.

Nach dem offiziellen Startschuss soll in der nächsten Woche die praktische Umsetzung beginnen. Zunächst werden die niedergelassenen Kardiologen informiert, die für das Programm geeignete Patienten aussuchen und ansprechen. Noch im Herbst sollen die Patientenkoffer ausgegeben werden.

Das Cottbuser Klinikum will mit der Beteiligung an dem Telemedizin-Netz für Herzpatienten den Einstieg in ein neues Geschäftsfeld jenseits der stationären Medizin schaffen. Das Prinzip Telemedizin könnte bald schon auf Risikoschwangere, Diabetiker oder Schlaganfallpatienten ausgeweitet werden, so die Überlegungen von Heidrun Grünewald, Geschäftsführerin des Cottbuser Klinikums: "Darauf bereiten wir uns vor."

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HerzinsuffizienzDie chronische Herzschwäche (Insuffizienz) ist eine der häufigsten internistischen Erkrankungen in Deutschland.2010 war sie laut statistischem Bundesamt die dritthäufigste Todesursache und die zweithäufigste Diagnose für eine stationäre Behandlung.Die Zahl der Patienten mit Herzinsuffizienz in Deutschland wird insgesamt auf zwei bis drei Millionen geschätzt.Video-Nachrichten zum Artikel bc_widget_single({'token':'Yv5Hi9hkfha42V_EyX-LerBxuXGTwWeLQ1A2Qf6PrK0.', 'width':450, 'postfix':'', 'videoIds':[1214809831001], 'dir': '/mediacenter/videos', 'playerIds':[21313753001]});