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Heute vor zehn Jahren: "Kyrill" tobt sich aus

Vier Hochspannungsmasten knicken in Elbe-Elster, ein weiterer wird beschädigt.
Vier Hochspannungsmasten knicken in Elbe-Elster, ein weiterer wird beschädigt. FOTO: Mona Claus/mcl1
Bad Liebenwerda. Unheil bahnt sich in den Abendstunden des 18. Januar 2007 auch im südlichen Brandenburg an. Es ist ein merkwürdiges Klima: ungewöhnliche Wärme, viel Regen in den zurückliegenden Tagen und nun aufkommender Sturm. Der weitet sich in den Nachtstunden schließlich zum Orkan aus. Frank Claus

Das kleine Dorf Kahla unweit von Elsterwerda im Landkreis Elbe-Elster erwischt es am schlimmsten. Ein Trümmerfeld. Häuser sind abgedeckt, Scheunen dem Erdboden gleich- gemacht. Die Kirche ist stark beschädigt. Umgestürzte Bäume verwehren Feuerwehrfahrzeugen die Zufahrt ins Dorf.

Dramatische Erinnerungen

Gottfried Heinicke, ehrenamtlicher Ortsbürgermeister in Plessa, erinnert sich: "Es war die blanke Hölle. Ich war auf dem Rückweg von Lauchhammer, wo wir Carports aufgebaut haben. Schon da zerrte der Wind. Zu Hause habe ich nur schnell was gegessen, als der Sturm losging. Ich rief bei meiner Mutter in Kahla an und hörte am anderen Ende nur Schluchzen. ,Junge, komm' bloß nicht her, hier ist alles kaputt' erzählte sie unter Tränen. Schnell saß ich wieder im Auto, doch in Kahla bin ich gar nicht reingekommen.

Ich bin ins Dorf gelaufen, da kamen mir die ersten Kameraden entgegen. ,Wir schauen zuerst nach Verletzten' riefen sie mir zu. Viele Grundstücke, vor allem das meiner Eltern und der Nachbarn, hatte es schwer getroffen. Ich erinnere mich noch: Im Wohnzimmer hatte meine Mutter den Tisch für ihren Geburtstag am nächsten Tag gedeckt. So richtig schön mit Sammeltassen. Und draußen ringsherum war alles kaputt."

Erschreckende Bilder

Auch in Bad Liebenwerda, wo ein Glas-Gewächshaus vom Sturm mitgerissen wird und in Elsterwerda, wo der Orkan das Dach eines Jugendzentrums auf den Boden knallt, sieht es am Morgen des 19. Januar schlimm aus. Bei Dobra sind Bäume auf Bungalows der Urlauber gefallen, Autos werden teils erheblich beschädigt.

Gespenstisch ist jedoch das Bild bei Zobersdorf. Vier riesige Masten der 380-kV-Hochspannungsleitung hat "Kyrill" in der Nacht wie Streichhölzer geknickt. Die mehr als daumendicken Aluminiumstränge liegen über der Straße. Dr. Frank Golletz, damals Chef des Krisenstabes beim Energieriesen Vattenfall, fährt die Kameraden der Feuerwehr an: "Warum ist hier nichts abgesperrt? Macht Stahlketten davor, rammelt die Straße zu." Als ihn die RUNDSCHAU gestern noch einmal befragt, werden die Erinnerungen schnell wieder wach. "Ich weiß noch, früh war ich beim Zahnarzt. Da erfuhr ich von den Schäden, habe die Störtrupps rausgeschickt und getobt, weil ich so lange keine Rückkopplung bekam. Erst später erfuhr ich, dass die Männer an den Havarieort wegen umgestürzter Bäume gar nicht rangekommen sind." Und sein harscher Ton vor Ort? "Ein Bild ist mir im Kopf hängen geblieben", so der Krisenmanager: "Eine Dame fuhr mit ihrem Trabi über die Seile auf der Straße. Kurz danach muss ich wohl die Feuerwehrleute angefahren haben. Denn wenn so ein Seil reißt, ist es wie ein Flitzebogen. Der Trabi wäre zehn Meter in die Höhe geflogen."

Zum Thema:
Dutzende Tote, verwüstete Wälder und Schäden in Milliardenhöhe - mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde fegt Orkan "Kyrill" am 18. und 19. Januar 2007 über Europa hinweg. 47 Menschen sterben, elf von ihnen in Deutschland. Hierzulande fallen dem Naturereignis rund 75 Millionen Bäume zum Opfer, fast die Hälfte aller Schäden verzeichnet Nordrhein-Westfalen. Der hohe Norden bleibt weitgehend verschont. Erstmals in der Geschichte der Deutschen Bahn steht der Schienenverkehr fast völlig still, Tausende Reisende stranden. Am Berliner Hauptbahnhof, der acht Monate zuvor eröffnet wurde, bringt der Wintersturm einen tonnenschweren Träger zum Einsturz. Europaweit sind Millionen Haushalte stundenlang ohne Strom. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft schätzt den in Deutschland versicherten Schaden auf 2,4 Milliarden Euro. Kein anderer Sturm in den 30 Jahren zuvor habe mehr Zerstörung verursacht.