Mit Tempo 130 über die Autobahn - die Idee des freiwilligen Selbsttests gefällt Infrastrukturminister Reinhold Dellmann: „Ich bin sehr dafür, das Thema Tempolimit auf Autobahnen intensiv zu diskutieren. Wer langsamer fährt, kommt entspannter, sicherer und kaum später ans Ziel. Das ist meine Erfahrung“ , sagt er. Dellmann bewertet ein Tempolimit auf Autobahnen als einen Beitrag zum Umweltschutz.
Als einziges Land in der EU und einziger Industriestaat weltweit ist Deutschland ohne Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen. Die Richtgeschwindigkeit von 130 Kilometer je Stunde ist empfohlen - seit 1974. Gesetzlich vorgeschrieben ist sie nicht. Seit 1939 konnte mit Tempo 100, während des zweiten Weltkrieges mit 80 auf Autobahnen gefahren werden. Bis Anfang der 70er-Jahre gab es außerhalb geschlossener Ortschaften teilweise gar kein Tempolimit. Damit stieg die Zahl der Verkehrstoten. Deshalb wurde die Richtgeschwindigkeit von Tempo 130 empfohlen. Bis heute.
Auf den etwa 160 Kilometern Autobahnstrecke der A 13 und A 15, die durch die Lausitz führen, gibt es kaum Tempolimits. Deutschlandweit wird die Hälfte der Autobahnkilometer wegen Baustellen, Sperrungen oder Staus geschwindigkeitsreduziert, die andere Hälfte ist freigegeben. Früher sollten Tempolimits die Verkehrsteilnehmer schützen, heute sollen sie auch vor Lärm oder Feinstaubbelastung bewahren. In Deutschland ist ein generelles Tempolimit umstritten. Die einen lehnen die Begrenzung als unmittelbare Einschränkung ab. Aber 65 Prozent der Bevölkerung stimmen für ein Tempolimit auf Autobahnen.
Bis zu 40 Kilometer je Stunde unterscheiden sich die europäischen Geschwindigkeitsvorgaben: Norwegen erlaubt Tempo 90, in Schweden ist bei 110, in Großbritannien bei 112 Schluss. Belgien, Irland und Portugal lassen Tempo 120 zu. In einem ist sich Europa mit Ausnahme Deutschlands aber einig: Es gibt eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Angeregt wird sie immer wieder auch in Deutschland - und genauso häufig verworfen. Der jüngst veröffentlichte UN-Klimaschutzbericht hat erneut eine Debatte losgetreten.
Andreas Troge, Präsident des Bundesumweltamtes, erklärte, dass sich der CO 2 -Ausstoß von Pkw bei einer Höchstgeschwindigkeit von 120 Kilometern je Stunde um zehn bis 30 Prozent reduzieren könnte. Die Betreiber des Internetportals „pro Tempolimit“ relativieren diese Zahlen. Sie sprechen von drei Prozent, selbst das wäre ein Gewinn für den Klimaschutz. Dagegen stützt sich der Verband der Automobilindustrie (VDA) auf Studien, die besagen, dass der Gesamtkraftstoffverbrauch mit einem Tempolimit kaum gesenkt werden könne. Der Automobilclub von Deutschland (AvD) erklärte sogar, dass die Verlangsamung des Verkehrs die Unfall- und Staugefahr erhöhe und die Abgasbilanz steigere.
Dem widerspricht Dietmar Oeliger, Verkehrsexperte vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Der Referent für Verkehrspolitik: „Diese Äußerung ist absurd. Der gesunde Menschenverstand sagt, dass sich die meisten Unfälle durch überhöhte Geschwindigkeit ereignen und Stau und Sperrungen zur Folge haben.“ Geringere Geschwindigkeit bedeute weniger Unfälle und mehr Kapazitäten auf den Autobahnen, da sich die Abstände zwischen den Autos ebenfalls verringern könnten.
Die Meinung der Mehrheit, die bei Umfragen positiv auf ein Tempolimit reagiert, wertet Oeliger als gutes Zeichen. „Es hat ein Umdenken eingesetzt“ , hat der Experte festgestellt. „Deutschland ist das einzige Land ohne Tempolimit. Es gibt kein rationales Argument gegen eine Geschwindigkeitsbegrenzung.“ Lärm, Unfall- und Staugefahren würden reduziert werden und ein Tempolimit koste praktisch nichts. Keine andere Maßnahme könne so schnell und billig umgesetzt werden. „Es gibt keine sachliche Ablehnung. Das ist eine politische Frage“ , ist Oeliger überzeugt.