Dass die CDU prompt den Druck erhöhte, die Landesfürsten Christian Wulff und Peter Müller mit einem Bruch der Großen Koalition in Berlin drohten, tat die Hessen-SPD als "Theaterdonner" ab.
Die Linken gaben sich alle Mühe, Ypsilanti keinen Grund für einen Abbruch der Annäherung zu liefern. Im Gegenteil, die SPD-Chefin konnte Argumente sammeln, um Skeptiker in den eigenen Reihen zu überzeugen. Ypsilantis Späher in Lollar sahen eine disziplinierte Linkspartei. Bei der Abstimmung über den Tolerierungskurs gab es nur zwei Gegenstimmen. "Die wissen genau, wofür sie ihre fünf Prozent bekommen haben", meinte ein SPD-Vertreter - zur Abwahl von Koch.
Der Bundesvorsitzende der Linkspartei, Oskar Lafontaine, machte den hessischen Genossen den Weg schmackhaft, durch die Tolerierung spürbaren Einfluss zu nehmen. "Es beschäftigt uns nur eine Frage, wie wir die Lebensverhältnisse der Menschen verbessern können", sagte Lafontaine. Für die SPD-Linke Ypsilanti fand der frühere Vorsitzende der Sozialdemokraten nur freundliche Worte. Er verteidigte sie gegen den Vorwurf des Wortbruchs und schloss sich ihrer Inter view-Äußerung an, man wolle "das soziale Netz neu knüpfen".
Auch ihre Vorstandswahl ordnete die hessische Linke dem Großprojekt eines Regierungswechsels unter. Der bisherige Partei-Vize Ferdinand Hareter, der die Fraktion zugunsten der Basis schwächen wollte, fiel durch. Ihn hätten SPD und Grüne als Hindernis für eine Zusammenarbeit empfunden. Gewählt wurde der starke Mann der Landtagsfraktion, Ulrich Wilken, Vordenker der Tolerierung von linker Seite. Allerdings fiel Wilkens Mehrheit denkbar knapp aus, die Seele der Partei berührt der Frankfurter Arbeitswissenschaftler nicht.
31 Forderungen stellte die Linke auf, die aber ausdrücklich als Verhandlungsmasse gelten. Vieles davon, zum Beispiel flächendeckende Mindestlöhne, sei sowieso SPD-Programm, meinte ein Sozialdemokrat. Trotzdem wird das endgültige Ja der Linken zur Tolerierung davon abhängen, wie viele seiner Projekte Rot-Grün in Angriff nimmt. Enttäuschungen und ein bockiges Nein sind nicht ausgeschlossen.
Die Späher des hessischen Grünen-Vorsitzenden Tarek Al-Wazir sahen eine Linkspartei, die ihre Füße gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens in den Boden stemmte. Das stärkt die Grünen gegenüber der SPD. Andererseits müssen die Grünen um ihren Ruf als Haushaltshüter fürchten, denn viele der Forderungen von Links kosten Geld.
Dass in Umfragen eine Mehrheit der Bürger in Hessen ein rot-grün-rotes Regierungsprojekt ablehnt, ficht weder Ypsilanti noch Lafontaine an. "Wenn ich mit den Menschen in Hessen rede, auch in meiner eigenen Partei, dann wollen die immer noch den Politikwechsel", sagte Ypsilanti der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Lafontaine ergänzte, die meisten Menschen wollten trotzdem die Einführung von Mindestlöhnen und eine Gemeinschaftsschule.
Ob der brave Linken-Parteitag die Ypsilanti-Skeptiker in der Bundes-SPD beruhigt, ist noch nicht ausgemacht. Der böse Spruch von Parteivize Peer Steinbrück, Hessen habe die Wahl "zwischen Pest und Cholera", steht im Raum. Die Hessen-SPD geht weiter davon aus, dass die Bundesspitze ihr freie Hand lässt. Deshalb fürchtet sie auch die wieder entfachte Debatte über die Große Koalition in Berlin nicht. Der Linken-Fraktionschef in Wiesbaden, Willi van Ooyen, ermutigte Ypsilanti, sich aus der "babylonischen Gefangenschaft" der Bundes-SPD zu befreien.