Herr Blüm, haben Sie Ihren legendären Satz, der erstmals 1986 fiel, schon mal bereut?
Nein. Die Geschichte beweist, dass die gesetzliche Rentenversicherung die sicherste Altersvorsorge unter allen konkurrierenden Modellen ist. Sie hat zwei Weltkriege überlebt und die Inflation. Und sie hat die deutsche Einheit gemeistert. Das hätte keine Privatversicherung geschafft.

Das Rentenniveau geht aber immer mehr zurück. Was hat das noch mit Sicherheit zu tun?
Die Höhe der Rente ist Ausdruck dafür, welchen Beitrag wir zu zahlen bereit sind, um nach einer langen Arbeitsbiografie ein auskömmliches Leben im Alter zu sichern. Wenn man allerdings vier Prozent des Beitrages abzweigt, wie mit der unseligen Riester-Rentenreform geschehen, dann fehlt dieses Geld in der Rentenkasse. Und am Ende zahlen die Beitragszahler sogar mehr als nach der alten Regelung, weil die Riester-Beiträge nicht vom Arbeitgeber mitfinanziert werden.

Als die Rentenversicherung begründet wurde, sollte sie das soziale Elend der Arbeiterschaft lindern helfen. Auch heute ist wieder viel von Altersarmut die Rede. Bekümmert Sie das?
Ja. Wenn das Rentenniveau weiter so sinkt wie in den vergangenen Jahren, dann kommt man in die Nähe der Sozialhilfe, was die Rentenversicherung nicht nur um ihren guten Ruf bringt, sondern auch um ihre soziale Sicherungsfunktion. Ein System, aus dem man mit Beiträgen nicht mehr bekommt als jemand, der ohne Arbeit war und folglich auch keine Beiträge gezahlt hat, erledigt sich von selbst.

Auch Sie haben doch in Ihrer 16-jährigen Amtszeit als Arbeitsminister Reformen eingeleitet, die auf eine Senkung des Rentenniveaus abzielten . . .
Das stimmt. Aber wir waren uns damals einig, dass das Rentenniveau nicht unter 64 Prozent sinken darf. Allein schon deshalb, um einen deutlichen Abstand zur Sozialhilfe zu garantieren. Bei den Reformen, die nach meiner Amtszeit kamen, wurde allerdings der Beitragssatz zur festen Größe. Er darf langfristig nicht über 22 Prozent liegen. Damit wurde jedoch das Rentenniveau zu Variablen. Das ist ein prinzipieller Unterschied.

Durch die Festlegung auf eine maximale Beitragshöhe soll die jüngere Generation nicht über Gebühr belastet werden. Was ist daran so schlimm?
Wahr ist, dass im Umlagesystem immer die Jüngeren für die Rente der Älteren aufkommen müssen. Und wenn es weniger Beitragszahler wegen der demografischen Entwicklung gibt, dann müssen sie eben auch mehr bezahlen. Geschieht das nicht, gibt es keine anständige Rente. Dass die Beitragszahler das auch können, hat mit den steigenden Einkommen zu tun. Meine Eltern haben ungefähr noch zehn Prozent Rentenbeitrag gezahlt, meine Kinder zahlen heute knapp 20 Prozent. Trotzdem hatten meine Eltern weniger Einkommen zum Leben als meine Kinder, weil eben auch das Einkommen meiner Eltern viel kleiner war.

Welche Reform in der jüngeren Geschichte war aus Ihrer Sicht der größte Irrweg?
Eindeutig die Riester-Rente.

Was haben Sie gegen kapitalgedeckte Systeme?
Ich bevorzuge die Anbindung der sozialen Sicherheit an die Arbeit und nicht ans Kapital. Die Arbeit muss die höchste Wertschätzung in einer Gesellschaft haben und nicht das Kapital. Im Übrigen: Wer heute noch behauptet, die kapitalgedeckten Systeme seien sicher, der lebt auf einem Eisberg ohne Funkverkehr. Durch die weltweite Finanzkrise sind diese Systeme allesamt ins Rutschen gekommen. Das Rentensystem in Chile ging deshalb sogar Bankrott.

Die Riester-Rente soll auch den Anstieg der Arbeitskosten begrenzen, um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu sichern. Ist das kein Argument?
Unsere Produktivität ist stärker gestiegen als die Arbeitskosten. Der Anstieg der Beiträge ist also verkraftbar. Die Beiträge verwandeln sich zudem in Rente und damit in Kaufkraft, auf die jede florierende Wirtschaft angewiesen ist.

Was würden Sie tun, könnten Sie noch mal Arbeitsminister sein?
Wir brauchen wieder ein anständiges Rentenniveau. Das jetzt angesteuerte Niveau von 43 Prozent ist deutlich zu niedrig. Dann bräuchte es nämlich auch nicht diese ganzen Reparaturarbeiten wie zum Beispiel eine so genannte Lebensleistungsrente. Das vernebelt den Skandal des sinkenden Rentenniveaus.

Mit Norbert Blüm

sprach Stefan Vetter