Schon als der 22-jährige Mann auf der Toilette des Schnellrestaurants gefunden wird, sind sich die Männer um Kriminaloberkommissar Fischer ziemlich sicher, dass ihn eine Überdosis Heroin umgebracht hat. Die Cottbuser Rauschgiftexperten kennen den Toten durch ihre Ermittlungen als Drogenabhängigen. Das Fixerbesteck, das sie finden, deutet darauf hin, dass er sich einen tödlichen „Schuss“ gesetzt hat. Das war am 1. November.
Gut zwei Wochen nach diesem tragischen Fall schlagen die Cottbuser Rauschgiftfahnder zu. Vor einer Cottbuser Diskothek nehmen sie zwei Frauen und drei Männer im Alter zwischen 16 und 38 Jahre fest (die RUNDSCHAU berichtete). Rund 300 Gramm Heroin werden bei ihnen gefunden. Vier von ihnen sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Sie sollen Mitglieder einer deutsch-arabischen Drogendealer-Bande sein, die nach Polizeierkenntnissen seit August in 18 Fällen mindestens drei Kilogramm Heroin von Berlin in die Lausitz geschleust hat. Der Jugendliche wurde der Ausländerbehörde übergeben.
Seit dem Frühjahr 2006 hatte sich bei der Kripo durch Polizeikontrollen und durch anonyme Bürgerhinweise der Verdacht verstärkt, dass sich in der Drogenszene eine deutsch-arabische Dealergruppierung durchgesetzt hat. Bis dahin waren immer mal wieder Vietnamesen mit kleinsten Mengen harter Drogen aufgegriffen worden. In das Puzzle, das sich die vier Drogenfahnder des Rauschgift-Kommissariats von Thomas Fischer zusammengesetzt hatten, passte dann eine DVD, die ihnen zugespielt wurde. Darauf hatte ein Bürger Fotos gebrannt, die den Verdacht erhärteten, dass sich entlang der Straßenbahnlinie zwischen den Cottbuser Stadtteilen Schmellwitz und Sachsendorf eine regelrechte Heroin-Meile entwickelt. Beim Amtsgericht erwirkt die Staatsanwaltschaft in Cottbus die Genehmigung zur Telefonüberwachung der arabischen Tatverdächtigen. Observationen bestätigen, dass der Bürger Dealer auf frischer Tat fotografiert hatte.
„Das Netz der Händler und Konsumenten ist dicht geknüpft, die Information untereinander funktioniert“ , weiß Fischer nach den umfangreichen Ermittlungen inzwischen. An den einzelnen Haltestellen der Straßenbahnlinie werden die Kontakte aufgenommen. „Erfolgt die Übergabe der 0,2 Gramm kleinen Kügelchen nicht dort, werden andere Orte verabredet“ , so Fischer: in Parks, auf Spielplätzen, an Schulen, unter Bäumen. Und das alles am helllichten Tag zwischen zehn und 21 Uhr. „Mit der letzten Bahn war Schluss“ , sagt Kriminalist Fischer.
Die Geschäfte lohnen sich. Drei Kügelchen, also zwischen 0,6 und einem Gramm, braucht ein Heroinabhängiger pro Tag. Eine Dosis kostet je nach Marktlage zwischen fünf und zehn Euro. Der Dealer macht gut 100 Prozent Gewinn. „Die verdienen im Monat soviel wie ich das ganze Jahr über nicht“ , sagt Fischer. „Es ist nur die Spitze des Eisbergs“ , schätzt er ein. „Wenn wir Dealer festgesetzt haben, werden sie sofort ersetzt“ , stellt Fischer fest. „Wir werden den Kampf gegen den Rauschgifthandel nicht gewinnen. Wir wollen wenigstens eine offene Rauschgiftszene verhindern und damit vor allem Gefahren von Kindern und Jugendlichen abwenden“ , fügt er hinzu.
Dabei sagen Zahlen eigentlich etwas anderes: Bis Oktober dieses Jahres registrierte die Polizei im Schutzbereich Cottbus und Spree-Neiße 470 Drogenstraftaten. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es 50 mehr. „Die Delikte werden vor allem durch Kontrollen aufgedeckt“ , sagt Polizeisprecher Berndt Fleischer. Dazu aber brauche man Kräfte, die in diesem Jahr beispielsweise durch die Fußball-WM nur begrenzt zur Verfügung standen, nennt er eine Ursache. Ein anderer Teil der Wahrheit ist aber: Vor der Polizeistrukturreform im Jahre 2002 hatte Thomas Fischer im Kommissariat zur Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität neun Spezialisten an seiner Seite. Heute sind es nur noch vier.