Pfarrer Eginald Schlattner blickt im siebenbürgischen Dorf Rothberg (Rosia) auf die Bänke seiner Kirche und sagt: "Jahrhunderte haben wir den Herrgott mit voll besuchten Messen verwöhnt." Beim Erzählen kann der 74-jährige Pfarrer das Dorf, im Kreis Hermannstadt (Sibiu), in eine siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft verwandeln, die sich wie eine Großfamilie die Aufgaben, den Glauben und die deutsche Sprache teilte, mit der man unter sich war: "Von der Wiege bis zur Bahre - allein war man nie", sagt Schlattner. Es muss das Gefühl einer geborgenen Insel gewesen sein. Inzwischen ist die evangelische Kirche in Rothberg, in der 300 Gläubige Platz finden könnten, leer, verlassen, kalt - auch sonntags. Der Pfarrer spricht in die Stille der Kirche: "Ich halte weiterhin regelmäßig Predigten, um den Herrgott und mich zu trös ten."
Schlattners Gotteshaus wirkt wie die Abschiedskulisse einer zu Ende gehenden deutschen Kulturgeschichte, die im 12. Jahrhundert begann. Westliche Siedler aus dem Rheinland, aus Luxemburg sowie Flandern kamen nach Siebenbürgen, im 18. Jahrhundert folgten katholische Siedler aus Süddeutschland ins heutige rumänische Banat. Die Einwanderer lockte autonomer Grund und Boden, im Gegenzug garantierten sie den jeweiligen Machthabern ihre Loyalität. Mit dem Zweiten Weltkrieg wurde die deutsche Gemeinschaft zum Jonglierball zwischen den Mächten. Hitlerdeutschland rief zunächst zum Wehrdienst, nach dem Kriegsende folgten Deportationen in die Sowjetunion, die kommunistischen Machthaber in der rumänischen Heimat gewährten den Deutschen schließlich nur noch minimale Rechte.
Pfarrer Eginald Schlattner kann sich gut an das Jahr 1990 erinnern, als man als Gemeinschaft nach dem Sturz des rumänischen Ceausescu-Regimes einen Neuanfang hätte starten können. Die Deutschen verließen jedoch in Windeseile das Land. "Ostern waren wir noch eine intakte Gemeinschaft, Weihnachten hatten wir nur noch die Erinnerung daran", sagt Schlattner. Es muss nach der Wende nicht einfach gewesen sein, zu wissen, was man tun sollte: Gehen„ Bleiben“ Martin Bottesch ist geblieben. Wenn der 52-Jährige spricht, klingt die Geschichte der Deutschen in Rumänien nicht nach einem Abschied in Raten, sondern nach einem Anfang in kleinen Schritten, zumindest im siebenbürgischen Hermannstadt. In der Stadt blieben nach der Wende vergleichsweise mehr Deutsche zurück als in anderen Orten, darunter auch Intellektuelle. Sie sitzen im Stadtrat und Rathaus inzwischen in den politischen Chefetagen und selbst im Kreisrat ist die deutsche Minderheitenvertretung seit der Wahl 2004 stärkste Fraktion - ein für Rumänien einmaliges Ereignis. Den überwältigenden Wahlerfolg haben die Deutschen ihrem Mythos von Pünktlichkeit, Wirtschaftlichkeit und Fleiß zu verdanken. "Klischees, denen wir zu entsprechen versuchen", sagt Kreisratschef Martin Bottesch schmunzelnd.
Mit den Stimmen der eigenen Wählerklientel hätte es die deutsche Minderheit nie so weit geschafft. In Hermannstadt und im gleichnamigen Kreis leben rund 1,6 Prozent Deutsche, rumänienweit kommt die deutsche Minderheit nur auf 0,3 Prozent der Einwohner. In der Pflanzenwelt würde diese Zahl Naturschützer auf den Plan rufen, die Artenschutz verlangen würden. Im 170 000 Einwohner zählenden Hermannstadt ist etwas anderes passiert, sagt Martin Bottesch: "Wir sind zahlenmäßig so bedeutungslos, dass sich die Rumänen nicht mehr fürchten, uns zu wählen. Das wäre uns in unserer alten Größenordnung nicht passiert." Der Mythos und gute Ruf der Rumäniendeutschen hat längst auch zahlreiche Investoren angelockt. So lässt der deutsche Zulieferkonzern Continental auf einem Gewerbegebiet am Stadtrand produzieren und lobt "die gute Kooperation mit den städtischen Behörden". Auch, dass sich Luxemburg Hermannstadt als Partner für die Europäische Kulturhauptstadt gewählt hat, ist den Rumäniendeutschen zu verdanken. Schließlich stammen ihre Vorfahren aus dem Moselgebiet, an den ähnlichen Dialekten in Luxemburg und Siebenbürgen ist das heute noch zu hören . Der Zuschlag zum Kulturhauptstadtjahr der siebenbürgischen Kleinstadt zahlreiche Fördermittel beschert. Allein zwei Millionen Euro sind in die Sanierung der Innenstadt geflossen. Wegen der frisch renovierten mittelalterlichen Fassaden könnte man vergessen, dass man gerade in Rumänien ist. Wenn die Einheimischen erzählen, "dass hinter den schönen Fassaden immer noch viel Armut lebt", weiß man wieder, dass man in Rumänien ist.
Keine andere Minderheit in Rumänien hat in den 90er-Jahren so sehr an Größe verloren wie die Deutschen. Ein Verlust, der vor allem in den Dörfern zu spüren ist und weniger in den Städten. Dort können sich die deutschen Kindergärten, Schulen oder Studiengänge vor rumänischen Bewerbern kaum retten. Die deutsche Sprache ist äußerst beliebt, weil sie bessere Chancen auf dem rumänischen Arbeitmarkt verspricht, wo sich deutsche Firmen tummeln. Selbst die Trachten- und Volkstanzgruppen sind weiter aktiv, in den siebenbürgisch-sächsischen Festkleidern stecken Rumänen. "In der Freizeit Deutsch zu sein, ist ein äußerst beliebtes Hobby in Rumänien", sagt ein Rumäniendeutscher.
Von den Deutsch-Begeisterten spürt Eginald Schlattner in seinem Dorf, das rund 20 Kilometer von Hermannstadt entfernt liegt, nur wenig. Von den einst 350 Deutschen in Rothberg gibt es noch sieben Sachsen, die "begraben werden müssen", sagt der Pfarrer: "Einer davon bin ich." Von der deutschen Kultur im Ort wird nur die Kirche als versteinerter Augenzeuge bleiben, "und ein Herrgott, der sich in Geduld übt". Der Kreisratschef Martin Bottesch spricht hingegen in Hermannstadt zaghaft von einer "neuen deutschen Gemeinschaft". Zu ihnen gehören auch ausgewanderte Siebenbürger Sachsen, die Deutschland den Rücken kehren, weil sie "dort nur Arbeitnehmer sein können, während sie in Rumänien zum Unternehmer aufsteigen", sagt ein Rückkehrer. Vor seiner politischen Karriere war der Kreisratschef Martin Bottesch Lehrer. Damals dachte er, "in Hermannstadt wird von unserer Minderheit nur die deutsche Sprache übrig bleiben." Er hat sich geirrt. (n-ost)