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| 01:27 Uhr

Hermann Borghorst, der umtriebige Mann

Hermann Borghorst hat in der Lausitz seinen neuen Lebensmittelpunkt gefunden. Foto: M. Helbig
Hermann Borghorst hat in der Lausitz seinen neuen Lebensmittelpunkt gefunden. Foto: M. Helbig FOTO: M. Helbig
Cottbus. Das Lächeln hat viele Fältchen um seine Augen gegraben, er geht mit schnellem Schritt über den Cottbuser Altmarkt, gekleidet wie ein wichtiger Mann. Was aber macht er genau, dieser Hermann Borghorst? Von Andrea Hilscher

Wer seinen Namen nennt in der Lausitz, der hört zumeist folgende Sätze: „Borghorst? Der von Vattenfall?“ Die andere Variante: „Borghorst? Der Gewerkschafter?“ Beides stimmt, beschreibt aber nur einen Teil des Lebens dieses umtriebigen Mannes.

1947 wurde Hermann Borghorst im Emsland geboren, als achtes Kind einer Handwerkerfamilie. Katholisch, konservativ geprägt, als erster seiner Geschwister konnte er nach der Realschule das Abitur ablegen. Aus Überzeugung ging der junge Mann als Zeitsoldat zur Bundeswehr und anschließend zum Studieren. Politikwissenschaft, 1968, Berlin – Hermann Borghorst blieb nicht lange konservativ. Er engagierte sich in der Hochschulpolitik, konnte über Stipendien in Paris und New Orleans studieren, und dann als Diplompolitologe bei diversen Lehraufträgen Berufserfahrungen sammeln.

In die SPD war er bereits 1970 eingetreten und verband zehn Jahre später seinen damaligen Forschungsschwerpunkt Stadtplanung mit politischem Engagement: Er ging als Fraktionsassistent ins Berliner Abgeordnetenhaus. Ab Ende der 1980er-Jahre entwickelten sich parallel zwei Karrieren: Zum einen wurde Borghorst, der sich mittlerweile auf Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik spezialisiert hatte, zum Abgeordneten gewählt. Zum anderen entschied er sich, der IG Bergbau, Chemie und Keramik beizutreten – aus Liebe zum industriell geprägten Milieu. Schnell wurde er stellvertretender Landesbezirksleiter für die neuen Bundesländer.



Mit 50 entschloss er sich zu heiraten: eine Frau, die bereits zwei Kinder hatte und zudem einen Staatssekretärsposten in Berlin. „So gab es wenigstens nie Probleme, wenn einer von uns beruflich viel unterwegs war“, lächelt Borghorst und fügt sofort hinzu, dass die beiden „eingeheirateten Kinder“ sehr schnell „seine“ geworden sind.

Dennoch waren gerade die Jahre nach der Wende hauptsächlich geprägt von Arbeit. „Eine schwierige, traurige Zeit“, erinnert sich Borghorst und meint damit jene Momente, in denen er vor Belegschaften stand und ihnen sagen musste, dass es keine Hoffnung mehr gab für ihren Betrieb. „Wir haben als Gewerkschafter alle Register gezogen, Proteste organisiert, Druck gemacht. Aber wenn es am Ende des Tages keinen Investor gab – was sollten wir machen?“ Und wenn es Geldgeber gab, so kamen sie oft genug aus dem Westen und wollten nichts als die Konkurrenz vom Markt kaufen. „Schwierige Zeiten.“



2001, als er einen Machtkampf innerhalb der Berliner SPD verlor, kam ihm das Angebot eines Wechsels in die Region. Der Posten des Arbeitsdirektors der damaligen Laubag war vakant. Im Rahmen der Montanmitbestimmung konnte die Belegschaft über diesen Posten bestimmen – und wählte Borghorst.

„Eine ganz tolle Sache“, fand er, und es passte, dass seine Frau kurz danach in Rente ging. Sie zog mit ihm nach Senftenberg. Borghorst konnte endlich konkret umsetzen, gestalten, anpacken. Und musste doch schon nach wenigen Jahren auch darüber nachdenken, wie sein Leben „nach Vattenfall“ weitergehen würde. „Zwei Jahre vor dem Ruhestand habe ich angefangen, meine Zukunft zu planen“, sagt er. Denn er weiß von schwarzen Löchern, in die man fallen kann, kennt die Ängste, die der Verlust von Macht und Status auslösen kann.

Zunächst aber galt es, einen passenden Standort für den Lebensabend zu finden. „Die Lausitz ist landschaftlich schön, Berlin und Dresden schnell zu erreichen, also haben wir uns für Cottbus entschieden“, so der Ex-Vattenfallmann.



Das Problem, was mit der neu gewonnenen Freizeit anzufangen sei, war schwieriger zu lösen. „Klavier spielen hätte gereizt, kostet aber ernorm viel Kraft.“ Gärtner liegt ihm nicht, reisen kann man auch nicht rund ums Jahr. „Ich wollte noch etwas Sinnvolles anfangen, im Ehrenamt die Ziele weiterverfolgen, die mir schon im Beruf wichtig waren. So setzt er sich heute als Vorstandsvorsitzender der „Wirtschaftsinitiative Lausitz“ für ein Unternehmensnetzwerk ein, dass die Lausitz im Wettbewerb der Regionen profiliert.

Über ein weiteres Ehrenamt, den Vorsitz des Fördervereins der BTU, arbeitet er an verbesserten Kontakten zwischen Universität, Mittelstand, Kommunen und Verbänden. „Gründungsinitiative, Technologietransfer, Multiplikatoren“ – dass sind die Worte, die sein derzeitiges wie sein früheres Arbeitsfeld umschreiben. Neu im Wortschatz sind „Ausschlafen, Familientage, Lebensqualität“.

Die richtige Balance zwischen beiden Bereichen, das gibt Hermann Borghorst zu, hat er noch nicht gefunden. Doch wenn er so mit schnellem Schritt über den Cottbuser Altmarkt geht, dann blinzelt er heute schon mal vergnügt in die Frühlingssonne.