Die Ära Helma Orosz in Dresden endet in dreieinhalb Monaten. Ende Februar 2015 will die Oberbürgermeisterin ihr Amt vorzeitig aufgeben. Das kündigte sie gestern in Dresden an. Sie habe "nicht mehr die Kraft, die dieses Amt erfordert", sagte die 61-Jährige. Die Ärzte hätten ihr dringend geraten, kürzerzutreten.

Die CDU-Politikerin sprach von einem "geordneten Rückzug", mit dem sie auch ihre politische Laufbahn beenden will. Die begann sie vor 13 Jahren als Oberbürgermeisterin von Weißwasser. Orosz musste 2011 wegen einer Brustkrebserkrankung für mehr als ein Jahr pausieren. Bei einer routinemäßigen Untersuchung war ein Tumor in ihrer Brust gefunden worden. Auf die Operation folgten Chemotherapie und lange Reha. Im März 2012 nahm sie ihre Amtsgeschäfte wieder auf.

Im Juni 2015 wählt die Landeshauptstadt ihren neuen Oberbürgermeister. Ob die Amtsinhaberin wieder antritt, war seit ihrer krankheitsbedingten Pause fraglich. Erst Ende dieses Jahres wollte sie sich festlegen - auch um ihrer Partei Zeit zu geben für die Findung eines Nachfolgers.

Indes, dieses Problem bleibt ungelöst. Der wahrscheinlichste Kandidat, Innenminister Markus Ulbig (CDU), bekam am Donnerstag die Ernennungsurkunde für eine weitere Amtszeit. Dass er dennoch in Dresden antritt, ist nicht ausgeschlossen. Doch das Amt ist seit der Kommunalwahl im März ungemütlicher geworden. Seitdem schlägt sich die Rathausspitze mit einer Stadtratsmehrheit aus Linken, SPD, Grünen und Piraten herum. In diesem rauen Klima war allein Orosz Garantin für den schwarzen Machterhalt. Nun droht die CDU die letzte sächsische Metropole zu verlieren - wie auch die letzte CDU-regierte Landeshauptstadt der Republik.

Ministerpräsident und CDU-Landeschef Stanislaw Tillich betonte gestern neben seinem Bedauern über Orosz‘ Schritt auch deren prägende Rolle für die Stadt. Sie habe "die Herzen der Menschen erobert und viel für die Reputation Dresdens, national wie international, geleistet", so Tillich. Der Chef der CDU-Landtagsfraktion, Frank Kupfer, sprach gestern zwar von einer nachvollziehbaren Entscheidung der OB, dennoch verliere die Öffentlichkeit in Dresden sowie ganz Sachsen "eine hervorragende Politikerin und einen liebenswerten Menschen".

Nach zwei Jahren als Oberbürgermeisterin in Weißwasser und fünf Jahren als Sozialministerin eroberte Orosz 2008 mit 64 Prozent im zweiten Wahlgang das Dresdner Rathaus - musste aber schon Störfeuer aus den eigenen Reihen ertragen. Gerüchte, sie wolle nicht mehr, machten immer wieder die Runde. Gerade in den vergangenen zwei Wochen, als sie mehrere Termine krankheitsbedingt absagen musste. Starker Mann in dieser Gemengelage ist, seltsam genug, ein Liberaler. Dresdens Erster Bürgermeister Dirk Hilbert (FDP) wird die Amtsgeschäfte ab März bis zur Wahl übernehmen. Er hatte während der Reha der Chefin die Stellung gehalten. Hilbert, der längst als treibende Kraft in der achtköpfigen Rathausspitze gilt, hat angekündigt, bei der Wahl als überparteilicher Kandidat anzukündigen. Seine Partei allein, die bei der Landtagswahl Ende August krachend verlor, wäre eine zu schwache Basis.

Auch die Oppositionsfraktionen stecken noch in der Kandidatenfindung. Sie wollen einen Überparteilichen ins Rennen schicken. Wen, steht noch nicht fest. Ersten Aufschluss könnte der Stadtparteitag der Linken am Sonnabend bringen.

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Als sie 2008 ins Amt kam, galt Helma Orosz als Vorzeigefrau der sächsischen Union. Erst acht Jahre zuvor war die studierte Krippenerzieherin der CDU beigetreten, drei Jahre später saß sie schon als Sozialministerin am Kabinettstisch in Sachsen. Die Idee für den Wechsel ins Dresdner Rathaus soll von ihrem politischen Ziehvater Georg Milbradt gestammt haben. Der frühere CDU-Partei- und Regierungschef wollte die Landeshauptstadt unbedingt für die Union zurückgewinnen. Das gelang Orosz mit 64 Prozent der Stimmen: Als erste Frau seit der Gründung der Elbestadt 1206 steht sie seither an deren Spitze. Krankheitsbedingt musste Orosz die Amtsgeschäfte Anfang 2011 aber ruhen lassen, nachdem Ärzte einen Tumor in ihrer Brust diagnostiziert hatten. Nach Chemotherapien und Bestrahlungen kehrte sie gut ein Jahr später an den Schreibtisch zurück. Orosz (61) stammt aus Görlitz. 21 Jahre ihres Lebens verbrachte sie hier, 33 Jahre in Weißwasser. 1974 wurde ihre Tochter Sandra geboren. Inzwischen ist Orosz auch Großmutter. Kinder bestimmten auch ihr berufliches Leben. Von 1979 bis zur Wende leitete sie eine Kinderkrippe, danach war sie Gesundheits- und Sozialdezernentin im Landreis Weißwasser und im Niederschlesischen Oberlausitzkreis. Vor ihrem Wechsel ins Kabinett Milbradt arbeitete sie von 2001 bis 2003 als Oberbürgermeisterin von Weißwasser. Parteiübergreifend wird anerkannt, dass Orosz stets gut vorbereitet in politische Debatten geht.