Von Gerit SchulzeGenau sechzig Jahre ist es her, dass die 6. Armee der deutschen Wehrmacht hier vor den sowjetischen Truppen kapitulierte. Nie zuvor in der Geschichte hatte eine Schlacht so viele Menschenleben gekostet und einen Ort derart verwüstet. Stalingrad – die mächtige Industriehochburg am Unterlauf der Wolga – existierte nicht mehr. Dafür sorgten 1000 Tonnen Bomben und 200 Tage blutigste Gefechte. Rund eine Million sowjetischer Soldaten und Zivilisten ließen ihr Leben, von den 250 000 eingekesselten deutschen
Soldaten kehrten nur 6000 zurück in die Heimat. Zusammen mit anderen evangelischen Christen hält Hallmann am Gedenktag der Kapitulation eine Ansprache im Stadtzentrum, der die orthodoxen Würdenträger des Ortes allerdings fernbleiben. Seit anderthalb Jahren leitet der Pastor die Evangelisch-Lutherische Gemeinde in Wolgograd und ist zugleich Probst für die gesamte südliche Wolgaregion. Als im Herbst 2000 in Cottbus der Ruhestand auf ihn wartete, wollte er lieber noch einmal etwas ganz Neues anfangen. Sein Interesse für Russland und die Partnerschaft der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg mit der Region Wolgograd brachten ihn schließlich in die Heldenstadt.

Nun predigt er in einer frisch gestrichenen Kirche mitten in der Plattenbausiedlung Rote Armee. Die ganze Stadt zehrt bis heute von der Vergangenheit, vom verlustreichen Sieg, mit dem der Vormarsch der Deutschen gestoppt wurde. Am Flughafen begrüßt die Heldenstadt Wolgograd ihre Gäste, das Wolga-Ufer ist nach der legendären 62. Armee benannt, die sich dem anrückenden Feind auf einem kleinen Streifen an dem gewaltigen Strom hartnäckig widersetzt hat und zur Militärparade am Jahrestag des Sieges rollen Raketenwerfer, Panzer und Haubitzen über den Lenin-Prospekt. Die Büsten des Revolutionsführers wurden hier deutlich weniger abgeräumt als in anderen russischen Städten, erzählt Hallmann. Das graue Winterkleid der fast 100 Kilometer langen Stadt wird in diesen Tagen aufgefrischt durch kräftige Farbtupfer. Überall hängen rote Fahnen mit fünfzackigem Stern – dem Banner der Roten Armee; Plakate preisen den Ruhm der Sowjetsoldaten, danken der unsterblichen Heldentat. Die Millionenstadt feiert pompös den Sieg und erscheint wie aus einer anderen Zeit.

Am Mamajew Hügel, wo im Winter 1942/43 die heftigsten Kämpfe tobten, steht seit dem frühen Morgen Wladimir Sitnikow. Für die meisten Leute mag es der Tag des Sieges sein, meint der 60-Jährige. Für mich ist es ein Tag des Gedenkens. In den allerletzten Stunden des Kampfes hat er seinen Bruder Viktor verloren. Nun steht er mit einem Foto und der Sterbeurkunde seines Angehörigen zu Füßen der monumentalen Mutter Heimat. Der Wolgograder hofft, dass einer der Veteranen, die heute hier vorbeikommen, sich an den jungen Soldaten erinnert und weiß, wo Viktor begraben liegt. Man sagt immer, die Toten werden nicht vergessen. Aber niemand sagt mir, was mit meinem Bruder geschehen ist, erzählt der Pensionär. Nie habe seine Mutter eine Rente für den gefallenen Sohn bekommen. Als sein eigener Sohn 1995 in den Tschetschenienkrieg ziehen musste, wollte Wladimir nicht wieder auf die Ungewissheit warten. Dreimal ist er in den Kaukasus gefahren, hat seinen Jungen gesucht und ihn schließlich nach Hause gebracht.

Ein Stück weiter oben am Hügel drücken junge Menschen dem Veteranen Wladimir Kogtew bewegt die Hand. Männer, Mütter und Schüler danken ihm, dass er in der Schützendivision der 62. Armee vor sechzig Jahren das Traktorenwerk der Stadt verteidigt hat. Gott möge Euch davor bewahren, dass ihr jemals in so einen Kampf verwickelt werdet, sagt der 81-Jährige zu einem pummeligen Steppke mit Bommelmütze. Der schenkt dem Weißhaarigen Schokolade und eine Tüte Bonbons. Wolgograd kann nicht Heldenstadt heißen, denn wir haben damals Stalingrad verteidigt, meint Kogtew zur Umbenennung der Stadt im Jahre 1961. Die Deutschen achtet er bis heute, vor allem für ihr handwerkliches Geschick. Aber sie haben nun mal unser Vaterland angegriffen. Und das konnten wir uns nicht gefallen lassen. Das sieht auch Alla Romanenko so, die Exkursionsleiterin im Panoramamuseum, das die Verteidigung von Stalingrad in monumentalen Bildern lobpreist. Sie zitiert Alexander Newskij, der 1242 den Deutschen Orden auf dem Peipussee besiegt hatte: Wer mit dem Schwert zu uns kommt, wird durch das Schwert sterben. Das gelte natürlich auch umgekehrt, meint die etwa 50-Jährige. Wenn die Deutschen heute mit friedlichen Absichten nach Wolgograd reisten, dann seien sie herzlich willkommen. Auf ihre Ausstellung, die 1982 eröffnet und seitdem kaum verändert wurde, lässt die strenge Frau nichts kommen. Fakten sind Fakten, sagt Roma- nenko vehement. Dass die Schlacht entscheidend für den Kriegsverlauf war, ist doch keine Propaganda! Über die Tausenden Sowjetsoldaten, die von den eigenen Leuten hingerichtet wurden, weil sie Befehle verweigerten oder unter Spionageverdacht standen, findet sich dennoch nichts in der Präsentation.

Eine viertel Million Besucher streiften im Vorjahr durch das Museum. Ein deutlicher Aufschwung gegenüber den frühen 90er-Jahren, als sich fast niemand mehr für die heroischen Schlachtenbilder interessierte. Heute ist unsere Jugend wieder viel patriotischer, glaubt die Museumsführerin. Die jungen Leute erkennen endlich wieder, in was für einer mächtigen Stadt sie leben. Gleich neben dem Panorama-Museum steht die Ruine einer alten Mühle, die 1893 von den russlanddeutschen Brüdern Gerhardt errichtet wurde und ein halbes Jahrhundert lang allen Nationalitäten in der Stadt das täglich Brot sicherte. Heute ist das zerbombte Gebäude eines der ergreifendsten Zeugnisse der Schlacht. Vor der Ruine toben die Kinder auf Panzerketten und Kanonenrohren der Geschütze, mit denen die Stadt zurückerobert wurde. Eine junge Mutter in Pelzmantel und Stiefeln posiert mit ihrem Sohn für das Familienalbum vor der Trümmerlandschaft, bevor sich die Sonne über der breiten Wolga senkt.

Auch für Pastor Hallmann geht ein langer Tag zu Ende. Es ist schwierig, 60 Jahre lang Trauer und Entsetzen aufrecht zu erhalten, meint er zu den Gedenkfeiern an den Soldatenfriedhöfen. Die Trauer über Vermisste und Tote sollte nun in die Hände Gottes gegeben werden. Überhaupt plagen den Geistlichen in diesen Tagen ganz andere Alltagssorgen. So haben Langfinger gerade mal wieder einige Kupferdachrinnen am renovierten Pfarrhaus abmontiert. Und vor der Tür streikt immer noch der alte Lada.

Pastor Dietrich Hallmann.