Krieg im Gazastreifen, Gefechte in der Ostukraine, Gräueltaten der IS-Terroristen im Irak und in Syrien - blutige Konflikte haben dieses Jahr das Weltgeschehen bestimmt. Dauerhafte Friedenslösungen sind nicht in Sicht. Wem soll man in einer Zeit, in der die Liste der Kriege immer länger wird, den Friedensnobelpreis verleihen?

Selte n hat sich die norwegische Nobeljury so schwergetan - um dann eine umjubelte Wahl zu treffen. Die 17-jährige Malala Yousafzai wurde mit ihrem Kampf für Kinderrechte zum Vorbild für Millionen. Sie macht nicht nur ihrer eigenen Generation Hoffnung auf eine gerechtere Welt. So düster waren die globalen Entwicklungen in diesem Jahr bewertet worden, dass in Norwegen Diskussionen darüber entbrannten, ob der Preis überhaupt vergeben werden solle. Jetzt weist er in die Zukunft - nicht nur, weil er an die jüngste Nobelpreisträgerin aller Zeiten geht. Er ehrt Bildung als vielleicht wirksamstes Mittel gegen Extremismus - und zwei Menschen unterschiedlicher Religionen und Generationen, aus seit ihrer Gründung verfeindeten Ländern .

Es sei ein Signal, "dass ein Hindu und eine Muslimin, ein Inder und eine Pakistani, den Kampf für Bildung und gegen Extremismus gemeinsam aufnehmen", hebt das Nobelkomitee in seiner Begründung hervor. Gemeinsam mit Malala bekommt der 60-jährige Inder Kailash Satyarthi die Auszeichnung, der seit Jahrzehnten gegen Kinderarbeit kämpft.

Satyarthi fürchtet bei seinem Kampf gegen Kinderarbeit weder wunde Füße noch mächtige Gegner. Im Jahr 1998 organisierte der Inder einen 80 000 Kilometer langen Sternmarsch durch Asien, Afrika, Amerika, Australien und Europa, um die Welt wachzurütteln. "Wir wollen bis zur Jahrtausendwende die Welt frei von Kinderarbeit machen", sagte der heute 60-Jährige damals. Das gelang ihm bislang nicht, heute schuften nach Angaben der Internationalen Arbeiterorganisation noch 168 Millionen Kinder. Nun wurde er für seinen langen Atem mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. "Mit diesem Preis finden die Stimmen von Millionen von Kindern Gehör - Stimmen, die bislang nicht gehört wurden", sagte Satyarthi dem indischen Nachrichtensender NDTV in Hindi.

Schon 2013 war Malala heiße Kandidatin für den Friedensnobelpreis. Doch damals hielt man sie noc h für zu jung für die vielbeachtete Auszeichnung: Der Druck werde schwer auf ihren Schultern lasten, meinten Kritiker. Trotzdem hatten viele enttäuscht darauf reagiert, dass Malala leer ausgegangen war - dieses mutige Mädchen, dass sich selbst von einem Mordanschlag in ihrem Kampf gegen die radikal-islamischen Taliban nicht beirren ließ .

Nachdem sie mit schweren Schussverletzungen im Kopf im Oktober 2012 im Krankenhaus in Birmingham angekommen war, hatte sich ihr Leben rapide geändert. "Sie wusste nicht, was man mit einer Eiswaffel macht, wenn die Eiscreme aufgegessen ist", erinnert sich die Londoner Journalistin Christina Lamb, die bei dem Buch "I am Malala" half.

Seitdem verfolgte der Teenager seine Sache nicht nur hartnäckig weiter, sondern bewies auch "die nötige moralische Integrität, die der Nobelpreis verlangt", urteilt der Friedensforscher Kristian Berg Harpviken. So stieg die kluge, selbstsicher auftretende Malala binnen weniger Jahre aus dem Nichts zur Nobelpreisträgerin auf. Die Familie hat für Beobachter großen Anteil daran, dass die junge Frau trotz ihrer immensen Berühmtheit und der fast täglichen Medienpräsenz auf dem Teppich bleiben kann. Die Gefahren lauern an jeder Ecke.

Bei aller internationalen Aufmerksamkeit ist die 17-Jährige mit dem Kopftuch aber auch ein ganz normales Zuwanderer-Mädchen wie jedes andere, wenn sie in den Parks von Birmingham mit ihren Brüdern herumblödelt oder in der Hochhaus-Wohnung ihre Hausaufgaben macht. Als der Friedensnobelpreis verkündet wurde, war das Mädchen gerade in der Schule. Der Schuldirektor holte sie aus dem Klassenzimmer, um ihr die Nachricht aus Oslo zu überbringen. Anschließend ging sie wieder in den Unterricht.

Zum Thema:
Der indische Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi fordert seine pakistanische Mit-Preisträgerin Malala Yousafzai zur Zusammenarbeit auf. "Ich lade sie dazu ein, dass wir uns die Hände reichen und einen neuen Kampf für Frieden auf unserem Subkontinent beginnen", sagte er dem indischen Nachrichtensender NDTV. Die Atommächte Indien und Pakistan sind Erzfeinde. In dieser Woche beschossen sich die beiden Armeen der Länder mal wieder, obwohl seit 2003 eigentlich ein Waffenstillstand gilt. Bei den Scharmützeln trafen die Soldaten auch jeweils Dörfer und Städte jenseits der Grenze. Mindestens 18 Menschen wurden getötet; mehr als 130 Menschen wurden verletzt.