"Wenn ein Politiker in die Banlieues kommt, hat er sich entweder verlaufen, oder es ist Wahlkampf-Zeit." Dieses geflügelte Wort kursiert derzeit unter den Bewohnern der Pariser Vorstadt-Viertel. Wenige Tage vor der ersten Runde der Präsidentenwahl sind die sozialen Brennpunkte der französischen Großstädte erneut beliebtes Ziel von Politikern auf Stimmenfang.

Der um eine zweite Amtszeit kämpfende Nicolas Sarkozy besuchte zuletzt unter anderem das Problemquartier Drancy im Nordosten von Paris. Sein gefährlichster Herausforderer, der Sozialist François Hollande, machte sogar eine 48-Stunden-Tour durch mehrere Viertel.

In den von grauen Betonbauten geprägten Vorstädten hält sich die Begeisterung über die ungewohnte Aufmerksamkeit in Grenzen. "Die Politiker wissen nichts von unserem Leben hier", sagt Fatima Hani. "Sie versprechen uns das Blaue vom Himmel, aber schlussendlich tun sie nichts für uns." Die dunkelhaarige Frau ist Nationalsekretärin der Bürgerbewegung "AC Le Feu" (Stoppt das Feuer), die ihr Büro mitten im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois hat. An der Wand dort hängt das Foto der Teenager Zyed und Bouna. Die beiden kamen 2005 auf der Flucht vor der Polizei ums Leben. Der Vorfall in Clichy-sous-Bois entfachte damals die landesweiten Unruhen in den sozialen Brennpunkten, die mit hoher Jugendarbeitslosigkeit, schlechter Infrastruktur und Kriminalität aller Art zu kämpfen haben.

Sarkozy war damals Innenminister und kündigte an, die Vorstädte "mit dem Kärcher (Hochdruckreiniger) vom Gesindel zu befreien". Als Präsident setzte er später auf einen groß angelegten Aufbauplan namens "Hoffnung Banlieue". Er sollte den vernachlässigten Vierteln Frankreichs bessere Verkehrsverbindungen, Bildungsförderung und Arbeitsplätze für die Vorstadt-Jugend bringen. Die bisherige Bilanz ist jedoch höchst umstritten.

"Der Plan ist angesichts politischer Machtlosigkeit, dem Mangel an (finanziellen) Mitteln und der generellen Gleichgültigkeit untergegangen", kommentierte der Soziologe Didier Lapeyronnie jüngst in einem Extraheft der Zeitung "Le Monde". Er habe praktisch keinen Effekt gehabt. Die Kritik an der Pariser Politik teilt auch die 19-jährige Schülerin Latifah Chouaref, die das einzige Gymnasium in Clichy-sous-Bois besucht. "Ich wünsche mir einen Präsidenten, der oft zu uns kommt und mit uns spricht", sagt sie nachdenklich und packt ihren dicken Schulordner in die Tasche. Sie ist noch unschlüssig, wem sie in der ersten Wahlrunde am 22. April ihre Stimme geben soll. "Es soll jemand sein, der Arbeitsplätze schafft und Schulen errichtet", meint sie - getreu dem Victor Hugo zugeschriebenen Zitat: "Öffne eine Schule, und Du wirst ein Gefängnis schließen."

Der 23-jährige Sanitäter Mamadou Sy wird seine Stimme dem Sozialisten Hollande geben. "Es ist eine taktische Abstimmung. Wollen wir Sarkozy loswerden, müssen wir für Hollande stimmen", sagt er und zuckt die Schultern. Auch der 26-jährige Elhadj Diop, der sich gerade zum Fahrlehrer ausbilden lässt, möchte Hollande wählen. "Damit es nicht so bleibt, wie es ist", sagt er und verweist auf die fehlende Infrastruktur. "Wir haben weder Kino noch Schwimmbad, geschweige denn ein Sportzentrum."

Beide hoffen, ein Präsident Hollande könne Verbesserungen bringen. Auf die Frage, weshalb sie abstimmen gehen, antworten sie: "Wir möchten ein Vorbild sein für unsere jüngeren Geschwister."

Dass viele Parteien die Banlieues nur in Wahlkampfzeiten beachten, wird sich nach Meinung von Aktivistin Fatima Hani rächen. "Die Politiker gehen davon aus, dass in den Vorstädten kaum abgestimmt wird. Aber dieses Mal täuschen sie sich." Sie zeigt auf das überdimensionale Hochhaus, das mit Satellitenschüsseln gespickt ist. "Hier wohnen höchst politisierte Menschen. Es sind nicht die Vergessenen der Republik, es sind die Unterschätzten."