Es war am 18. Dezember 1968. In der Gaststätte "Stadttor" von Cottbus wurden die "Sportler des Bezirkes Cottbus" ausgezeichnet. Die "Lausitzer Rundschau" hatte alljährlich zu der Umfrage im Kohle- und Energiebezirk aufgerufen. An jenem Abend ließ es sich Heinz Florian Oertel - längst ein DDR-weit prominenter Rundfunk- und Fernsehreporter - nicht nehmen, in seine Heimatstadt zurückzukehren und die Auszeichnung vorzunehmen.

Oertel bat überraschend einen jungen Radsportler auf die Bühne - der Autor dieses Artikels stand als fast 14-Jähriger mehrfacher Spartakiadesieger plötzlich vor dem großen Sportkommentator (nebenstehendes Foto). Und er fragte, ob der Christian Taubert sich denn schon rasieren würde. Dem schüchternen "Nein" folgte Oertels Angebot, den ersten Rasierapparat gern zu sponsern.

Dass sich Heinz Florian Oertel selbst heute noch an diese Episode erinnert, wäre keineswegs überraschend. Denn sein Zahlen- und Faktengedächtnis, das er sich auch immer wieder antrainiert hat, war verblüffend. Über Jahrzehnte schrieb HFO in der "Lausitzer Rundschau" die Kolumne "Diesmal ohne Mikrofon" - stets mit Lausitzer Bezug. Dabei hat er immer wieder den Bogen von den Größen in der Welt des Sports zu den vermeintlich Kleinen, den Tröbitzer Federballern, den Hockeyspieler von Lok RAW Cottbus, den Billardkegler aus Leuthen-Oßnig, den Cottbuser Turnieranglern und vielen mehr, gespannt. Für viele Lausitzer, die auch heute seine Lesungen und Diskussionsveranstaltungen in der Region nicht versäumen, ist er gerade auch deshalb unvergesslich.

Zu seinem Jubiläum hat ihn Journalistenkollege und "Tagesschau"-Sprecher Jan Hofer für ein Buch des Eulenspiegel-Verlages interviewt. Ein Gespräch über 126 Seiten, das jenen Lausitzer Fans nur wenig Neues vermitteln dürfte. Sie kennen ihren Heinz Florian, der am 11. Dezember 1927 in Cottbus geboren wurde und als Reporter in über 50 Berufsjahren die Welt bereist hat. Der nach dem Zweiten Weltkrieg versucht hatte, als Schauspielanfänger im Stadttheater und später als Lehrer sein Geld zu verdienen. Der 1949 sein Reporter-Debüt beim "Sender Cottbus" mit dem Endspiel um die brandenburgische Meisterschaft im Frauenhandball gegeben hat. Hier ist man auf seinen für DDR-Verhältnisse ungewöhnlich lockeren Plauderton aufmerksam geworden, auf die bildhafte Sprache, was zu einer rasanten Entwicklung geführt hat. Von 1951 bis 1991 arbeitete Oertel beim Berliner Rundfunk, seit 1955 beim DDR-Fernsehen.

Bis zum Mauerfall war HFO fast überall dabei, wo DDR-Sportler um Gold, Silber und Bronze kämpften: Bei 17 Olympischen Spielen, bei Weltmeisterschaften im Radsport, der Leichtathletik oder bei 25 Welt- und Europameisterschaften im Eiskunstlauf. Oertel kommentierte acht Fußball-Weltmeisterschaften für das DDR-Fernsehen, obwohl die Staatsamateure des Ostens dort bis auf 1974 in der Bundesrepublik nur durch Abwesenheit glänzten.

"Ich wollte immer mehr als informieren, ich wollte unterhalten", sagte der Jubilar bei einer Berliner Gesprächsrunde mit Promi-Anwalt Peter-Michael Diestel. Oertel galt nicht nur als profunder Kenner des Sports, er war auch Entertainer, der sich nicht davor scheute, die "Schlager einer großen Stadt" via Bildschirm zu präsentieren oder Prominenz aller Couleur im "Porträt per Telefon" - der ersten Live-Talkshow des DDR-Fernsehens - Geheimnisse zu entlocken. Im Hörfunk fanden seine Sendungen ein riesiges Publikum. "Ich war eher ein Mehrkämpfer am Mikrofon als ein Spezialist", sagt er über sich selbst.

Zu seinem Geburtstag haben ihn ehemalige DDR-Top-Athleten geehrt. "Während ich mich auf der Straße gequält habe, hat er aus dem Auto gekonnt großkotzig großartige Reden geschwungen", erinnert sich der zweimalige Rad-Weltmeister Gustav-Adolf "Täve" Schur mit einem Schmunzeln. Es gab kaum einen DDR-Bürger, der den kahlköpfigen Reporter Oertel nicht kannte. Grund seiner Popularität bei den Hörern und Zuschauern war vor allem der emotionale Stil seiner Berichte. Detaillierte Beschreibungen äußerer Umstände, Wetter oder Stimmung, Gestik und Mimik der Top-Sportler gehörten zu Oertels Repertoire, der aber auch stark polarisierte. Nicht jeder mochte seinen geschwollenen Sprachstil, dennoch wurde er vom Publikum 17-mal zum "Fernsehliebling des Jahres" der DDR gewählt.

Einen denkwürdigen Moment der DDR-Fernsehgeschichte schuf Oertel mit seinem legendären Ausruf "Liebe junge Väter oder angehende, haben Sie Mut! Nennen Sie Ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Waldemar! Waldemar ist da!", mit dem er live via TV den zweiten Marathon-Olympiasieg des Hallensers Waldemar Cierpinski bei den Sommerspielen 1980 in Moskau kommentierte.

Nach dem Mauerfall fand sich für Oertel trotz seiner unstrittigen Fähigkeiten keine Anstellung in öffentlich-rechtlichen Anstalten des vereinten Deutschland. Nicht nur hinter vorgehaltener Hand wurde ihm eine zu große Nähe zu den diktatorischen Führern des DDR-Sports vorgeworfen. Alle Unterstellungen, auch die, für die Stasi gearbeitet zu haben, wies er zurück. Die Birthler-Behörde habe ihm geschrieben, "dass eine Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit nach Aktenlage nicht ersichtlich ist".

Heute zwickt die Hüfte, die Stimme klingt ein wenig belegt, aber der Wortwitz ist ihm geblieben. Heinz Florian Oertel war im Osten überaus beliebt, vom Westen wurde er nach der Wende als populäres Sprachrohr des alten Systems ignoriert. In seinem jüngsten Buch lässt Oertel den Interviewer auch ins Private hineinschauen. Zu den Töchtern Andrea und Annette sowie Sohn Matthias.

"Unsere Tochter Annette ist mit 44 Jahren an Krebs gestorben", erzählt er. Schauspieler Eberhard Esche, der Vater des Enkels Jonathan, sei zwei Jahre vor ihr gestorben. "Jona ist Vollwaise und lebt bei uns. Er ist unser Sonnenschein, macht uns viel Freude." Oertel und seine Frau (74) haben "eine riesige Aufgabe und Verantwortung übernommen, und wir machen es gern, und es ist ein Glück."