Der diffuse schwarze Rand der Bilder zeigt, dass sie aus dem Verborgenen aufgenommen wurden. Fotografiert durch ein Knopfloch oder eine kleine Öffnung in einer Tasche. Ein Mann, der vor einem Bahnhof aus einem Trabant steigt, Menschen auf einem Bahnsteig, die sich verabschieden, umarmen. Und die in diesem Moment nicht wissen, wann sie sich wiedersehen werden, und noch viel weniger, dass sie in diesem für sie sicher bewegenden Augenblick heimlich fotografiert werden. Denn zu den Negativen dieser Aufnahmen, die bei der Stasiunterlagenbehörde BStU in Frankfurt (Oder) liegen, gibt es nur einen Hinweis: Ausreise 16.08.1988.

Die Aufnahmen gehören zu einem Bestand von Tausenden Aufnahmen, die in der Frankfurter BStU-Außenstelle liegen. Dort wird auch der gesamte Aktenbestand des ehemaligen Bezirkes Cottbus verwaltet. Die Bilder tauchen jetzt aus Säcken mit vorvernichtetem Material auf oder stammen aus Bündeln und Umschlägen, die bei der Aktenerschließung Anfang der 90er-Jahre anfielen und nicht zugeordnet werden konnten.

Das eine bedeutsame Bild finden

Jetzt beugen sich Archivare über die Negative. Moderne Technik erlaubt es, sie am Computer in Positive umzuwandeln und dann auf den Bildern nach Hinweisen auf ihre Entstehung zu suchen.

Manchmal, so Außenstellenleiter Rüdiger Sielaff, seien es wenig interessante Aufnahmen, zum Beispiel von Autos, die an einer Stasidienststelle vorbeifahren. Andere zeigen Personenbeobachtungen. "Vielleicht ist nur eines von 100 Bildern historisch bedeutsam oder von Bedeutung für die abgebildeten Personen, dieses eine Foto müssen wir herausfinden", beschreibt Sielaff das Ziel dieser Arbeit.

Bei den Ausreisebildern vom August 1988 fehlt bisher jeder Hinweis auf die abgebildeten Personen. Nach einem Vergleich der Aufnahmen mit aktuellen Bahnhofsbildern aus der Region durch die RUNDSCHAU handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Aufnahmen auf dem Bahnhof in Finsterwalde.

Die Bilder zeigten, so Sielaff, dass der Staatssicherheitsdienst diejenigen, die der DDR den Rücken kehrten, bis zum letzten Moment beobachtete: "Wer bringt wen zum Bahnhof, wer verabschiedet sich, wie reagieren andere Fahrgäste, das sollte dokumentiert werden." Für Sielaff ein Ausdruck absurden Machtgehabes. Für die Beobachteten war es dagegen ein hochemotionaler Moment, der Beginn einer Reise ohne Wiederkehr.

Zu den erhaltenen Stasi-Bildern ohne nähere Angaben gehörten auch konspirative Aufnahmen einer Trauergesellschaft, wahrscheinlich auf dem Friedhof Finsterwalde aufgenommen, so Sielaff. Vermutlich ging es der Staatssicherheit dabei um Trauergäste aus der Bundesrepublik. Die Beerdigung, so die Vermutung der Aktenspezialisten, dürfte 1987 oder 1988 stattgefunden haben.

In einigen Fällen finden sich auch komplette Ablichtungen von Familienfeiern, die offensichtlich nicht heimlich aufgenommen wurden. "Das kann von der Stasi konfisziertes Bildmaterial sein oder es haben hauptamtliche oder inoffizielle Stasi-Mitarbeiter auf den Feiern geknipst", erklärt der Außenstellenleiter.

Beschlagnahmte Fotoalben

Bearbeitet werden in Frankfurt (Oder) zurzeit auch heimlich geschossene Aufnahmen von "Männern bei einer Fahrradtour am 23. April in Lübben", ein kompletter Rollfilm mit Privataufnahmen in Paris und einem dazugehörigen Fotoauftrag der Kreisdienststelle Lübben.

In der BStU-Außenstelle liegen auch zwei private Fotoalben, die offenbar von der Staatssicherheit irgendwann beschlagnahmt wurden. Sie enthalten private Fotos beginnend vor dem Ersten Weltkrieg bis in die 50er-Jahre hinein. "Das zeigt nicht nur Familien-, sondern auch Zeitgeschichte", sagt Sielaff. Er möchte die Alben möglichst bald auf die Homepage der BStU-Zentrale in Berlin stellen (siehe Infobox).

In der Rubrik "Spurensuche" werden dort Fotos aus dem Stasibestand veröffentlicht, um Hinweise über Ort und Zeit der Aufnahmen zu bekommen. Wenn auf den Bildern charakteristische Bauwerke zu sehen sind, sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass jemand den Ort erkennt, so Sielaff: "Die Kirche oder Schule um die Ecke erkennt man."

Dass die Staatssicherheit im Bezirk Cottbus mit der Qualität der konspirativen Fotografien nicht immer zufrieden war, belegt ein erhalten gebliebener Vorgang. Im August 1988 führte die Stasi vor einer Cottbuser Kaufhalle eine praktische Schulung zum heimlichen Knipsen durch. In der Auswertung wurde festgestellt, dass weiterhin geübt werden müsse und das Hauptaugenmerk muss darauf gelegt werden, "dass jede Person identifizierbar ist".

Zum Thema:
Auf dem Internetportal der BStU ( www.bstu.de ) gibt es unter "Archive" die Rubrik "Spurensuche". Über einen Mail-Kontakt können Hinweise zu den abgebildeten Orten oder dem Zeitpunkt der Aufnahme gegeben werden. Auch "gelöste Fälle" sind dort verzeichnet.Ein besonders anrührender Suchfall dort betrifft vier liebevoll gestaltete private Fotoalben. Sie zeigen Bilder einer "Kirsten" aus Leipzig, geboren 1945, und ihrer Familie. Die Alben bilden die komplette Kindheit und Jugend des Mädchens ab. Die BStU hofft über die Veröffentlichung "Kirsten" oder Angehörige von ihr zu finden, um die Alben zurückgeben zu können.