Die Filmmusik von Fritz Langs „Metropolis“, Sketche von „Dick & Doof“, Tränen bei „Titanic“ – Gefühle und Erinnerungen aus fast zehn Jahrzehnten Filmgeschichte haben sich in den zahlreichen Nischen und Winkeln des Finsterwalder „Weltspiegels“ eingenistet.

Erbaut 1912, fast immer in Familienhand, zeichnet seit 1990 Torsten Siegert, Urenkel eines der Erbauer, verantwortlich für das Lichtspielhaus. Er hat in dem alten Gebäude laufen gelernt, seine Schularbeiten gemacht, ist als Junge eingetaucht in die Magie der Zelluloid-Welten. Nach dem Abitur wollte er eigentlich Kunst oder Architektur studieren, die dreijährige Armeezeit, die er vorher absolvieren sollte, schreckte ihn ab. Also lernte er Kulissenmaler – und fand damit eigentlich seinen Traumberuf. „Mir hat das riesigen Spaß gemacht, dieses Gestalten und Umsetzen.“ 1990 aber, kurz nach der Wende, ergab sich die Möglichkeit, den verstaatlichten Kinobetrieb zu reprivatisieren. „Mein Vater überredete mich, das Abenteuer zu wagen“, erzählt Siegert, 49.

Er gab seinen Job auf und stieg mit seiner Frau Sabine ins Kinogeschäft ein. „Damals sogen die Menschen gierig jeden Film auf, erinnert er sich an die großen „Weltspiegel“-Zeiten. Der große Saal mit seinen 350 Plätzen, der kleine mit 100, die Visionsbar im original 70er-Jahre-Stil – das Haus war an vielen Wochenenden komplett ausverkauft Was den Glanz der früheren Jahre trübte: Siegerts Vater hatte dem Junior verschwiegen, dass ihm eigentlich nur 28 Prozent des Filmtheaters gehörten. „Es gab noch mehrere Eigner, die in den Westen gegangen waren, angeblich aus politischen Gründen“, so Siegert. Und irgendwann forderten die ihren Anteil an dem Haus zurück. Finanziell eine schwere Belastung für das Unternehmen – und für die Vater-Sohn-Beziehung.

„Hätte er mich von vornherein ins Vertrauen gezogen, wäre ich vielleicht gar nicht erst zum ,Weltspiegel‘ gegangen“, sagt Siegert. Dann aber musste er mit seiner Frau die gerichtlichen und wirtschaftlichen Auseinandersetzungen durchstehen, sich nebenbei gegen den dominanten Vater behaupten und dabei in der Region das etablieren, was er vom Kino erwartete. Große Premierenfilme auch für die Provinz, daneben anspruchsvolles Kino, das sich an alle Altersgruppen richtet. Mit vielen Preisen wurde er für seine Arbeit ausgezeichnet, lange Jahre honorierte auch das Publikum sein Engagement. Seit dem Vormarsch von DVD und Internet allerdings wird der Kampf ums Publikum immer härter. „Wir bemühen uns, aus jeder Vorstellung ein Event zu gestalten“, erzählt der Film-Fan. Zum Valentinstag lockte eine romantische Komödie, das ganze Haus war ausschließlich mit Kerzen illuminiert, Ehefrau Sabine empfing jeden Besucher mit einem Gläschen Prosecco.

Voller Stolz zeigt Siegert in seinem winzigen Büro neben dem Kinofoyer Fotos von seinen Inszenierungen: Jedes Jahr zum Sängerfest baut er eigenhändig Motivwagen zu den „Piraten der Karibik“, den „Blues Brothers“ oder den „Flintstones“, im Sommer wird das Kino am Groß Koschener See betrieben und natürlich, an sieben Tagen in der Woche, der „Weltspiegel“ gefahren. „Außerhalb dieses Kinos gibt es eigentlich nichts“, sagt Siegert.

Er kennt jeden Winkel des Hauses, so wie man nach einer langen Ehe jede Falte und jede Eigenheit des Partners kennt. Ein Röcheln im verzweigten Rohrsystem verrät ihm, wo die nächste Havarie droht, er weiß genau, welche Dachheizung er im Winter anwerfen muss, um Frostschäden zu vermeiden, alle Sessel werden regelmäßig von ihm eigenhändig aufgepolstert.

Es sind wohl diese tausendfach wiederholten Handgriffe, die ihn über die Jahre unauflöslich verbunden haben mit dem „Projekt Weltspiegel“.

Immer wieder ging zwar im Landkreis das Gerücht, er werde das Haus schließen. Aber bisher haben die Siegerts noch jede Krise überwunden. Durch ihre guten Kontakte in die deutsche Kino-Szene holen sie regelmäßig Stars wie Oliver Pocher nach Finsterwalde. Sie reisen zur Berlinale, sie werden zu Premieren mit Tom Cruise eingeladen – und sie gucken bis heute mit großer Begeisterung Filme.

„Jede Saison rücken neue Streifen in meiner Top-Ten-Liste nach oben“, sagt der Unternehmer, einen Dauerhit gäbe es nicht. Nur einen Dauerfeind: Nachos mit Käse-Soße. „Ich habe mich lange geweigert, das Zeug überhaupt bei uns zu verkaufen.“ Irgendwann musste er sich der wachsenden Nachfrage des Publikums beugen. „Aber können Sie sich vorstellen, was für einen Spaß das macht, wenn man zwischen zwei Vorstellungen eine umgekippte Packung Käsesoße aus dem Sitz pulen muss?“