Das Tribunal tagt geheim. Hunderte Zeugen hat es befragt, unzählige Seiten von Dokumenten durchforstet. Das Gericht prüft, ob der verstorbene Papst Johannes Paul II. selig gesprochen werden kann, was die Vorstufe für eine Heiligsprechung wäre. Niemand weiß, wann es zum Urteilsspruch kommen wird. Sicher ist aber, dass die Hoffnung vieler Gläubiger enttäuscht wird, wonach der polnische Papst bereits an seinem ersten Todestag in den Kreis der Seligen aufgenommen wird. Trotzdem werden morgen tausende Gläubige auf dem Peterplatz erwartet, um einen Rosenkranz zu beten und sich an jenen 2. April vor genau einem Jahr zu erinnern.
Stille legte sich damals in den späten Abendstunden über den Petersplatz. Und tausende Menschen blickten erstarrt hinauf zu jenem erleuchteten Fenster des Papst-Palastes, wo das Zimmer von Johannes Paul II. lag. Viele wollten die Nachricht nicht glauben: Um 21.37 Uhr war Papst Johannes Paul II. gestorben. Schon beim Begräbnis des Papstes wenige Tage später wussten die Gläubigen, wie sie sich des verehrten Kirchenoberhaupts in Zukunft erinnern wollten.

"Der Weg ist noch lang"
"Santo subito" ('Heilig sofort') stand auf Spruchbändern zu lesen, als Johannes Paul II. in Rom zu Grabe getragen wurde. Der Vatikan zögerte nicht. Rund drei Monate nach dem Tod des Papstes wurde das Seligsprechungs-Verfahren eröffnet. Benedikt XVI. hatte die vorgeschriebene Fünf-Jahres-Frist außer Kraft gesetzt. Kurze Zeit später wurde feierlich das Tribunal eingeweiht, das die Seligkeit des verstorbenen Kirchenoberhaupts prüfen sollte. Viele hofften, Johannes Paul II. könnte an seinem ersten Todestag selig gesprochen werden.
Doch so schnell verfährt die zweitausend Jahre alte Kirche nicht einmal mit dem verehrten Papst aus Polen. "Der Weg ist noch lang, wir haben noch viel Arbeit vor uns", sagt Slowomir Oder, Postulator und damit so etwas wie der Anwalt für die Seligsprechung des verstorbenen Papstes. Der polnische Priester war für die erste Hälfte des Verfahrens zuständig. Dabei wurde Karol Wojtylas Leben in der polnischen Heimat vor seiner Wahl zum Papst im Jahr 1978 beleuchtet. Das Tribunal, das unter anderem den polnischen Ex-Präsidenten Lech Walesa anhörte, wollte seine Arbeit am 1. April abschließen. Die zweite Hälfte des Verfahrens wird die Jahre als Kirchenoberhaupt in Rom bewerten. Außerdem wird für eine Seligsprechung der Nachweis eines Wunders benötigt. Hunderte Menschen aus aller Welt hatten dem Tribunal berichtet, wie sie nach Gebeten an den Papst wundersam geheilt wurden. Eingehend geprüft wird seit dem 17. März nun die Geschichte einer französischen Nonne. Sie wurde von der Parkinson-Krankheit geheilt, nachdem sie Papst Johannes Paul II. angerufen hatte. Die Französin, von der weder Name noch Wohnort bekannt sind, litt damit an derselben Krankheit, an deren Folgen auch Johannes Paul II. gestorben war. Haben alle Tribunale ihre Arbeit abgeschlossen, werden die Befunde an die vatikanische Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen gesandt. Die Kongregation, die einem Ministerium vergleichbar ist, prüft Dokumente und Aussagen und holt wenn nötig nochmals Gutachten ein. All dies wird wohl auch länger dauern als von den Polen erwartet. Sie hatten gehofft, Benedikt XVI. würde seinen Vorgänger bei seinem für Ende Mai geplanten Polen-Besuch selig sprechen. Doch der polnische oberste Geistliche Jozef Glemp sagte bereits, dass die Zeit dafür auf keinen Fall ausreichen werde.

Regeln wurden schon oft gebrochen
Die Polen geben die Hoffnung trotzdem nicht auf. Die Regeln für das Seligsprechungsverfahren sind, so sehen es viele, schon sehr oft gebrochen worden. Und Benedikt XVI. könnte ja bei seinem Besuch in Polen einfach einen Regelverstoß hinzufügen - und Johannes Paul II. auf Grundlage der zu erwarteten Beifallsstürmen und Sprechchören zum Seligen zu erklären.