Idee und Verwirklichung dieser neuen Bibel-Massenproduktion gingen auf Carl Hildebrandt Freiherr von Canstein (1667-1719) zurück, in dessen Tradition sich noch heute Bibelwerke und Bibelzentren in Deutschland verstehen. Im Blick hatte von Canstein dabei weniger adlige Reisende, sondern die normale Bevölkerung, für die auch gut 250 Jahre nach Johannes Gutenbergs revolutionärer Buchdruckerfindung eine Bibel immer noch unerschwinglich war. In Zusammenarbeit mit dem Gründer der Franckeschen Stiftungen, August Hermann Francke (1663-1727), der in Halle eine Schulstadt mit Waisenhaus aufgebaut hatte, veröffentlichte von Canstein am 1. März 1710 einen "ohnmaßgeblichen Vorschlag" dazu, "wie Gottes Wort den Armen zur Erbauung um einen geringen Preiss in die Hände zu bringen" sei. Zur Verwirklichung nutzte er das aus Holland stammende Druckverfahren im "Stehenden Satz". Anders als mit Gutenbergs beweglichen Lettern wurden in dem Verfahren vor dem Druck alle Seiten des Buches auf Platten gesetzt. In der Anschaffung war diese Technik zwar teurer. Langfristig konnten aber die hohen Kosten für die Setzer gespart und die Bibeln günstiger produziert werden. Im Jahr 1712 war das Neue Testament für zwei Silbergroschen erhältlich. Das umfangreichere Alte Testament und damit die gesamte Bibel erschienen fünf Jahre später, im Jahr 1717, in der Cansteinschen Bibelanstalt in Halle. Was dort vor 300 Jahren begann, ist heute noch Auftrag der Bibelwerke in Deutschland. Neben der Deutschen Bibelgesellschaft in Stuttgart als Hauptverlag für Bibeln in verschiedenen Übersetzungen und Ausführungen für Alt und Jung wollen sie Bibelwissen in gläubiger und atheistischer Umwelt vermitteln. "Noch immer geben wir auch Bibeln an Menschen und Institutionen, die es sich nicht leisten können", sagt der Geschäftsführer des Evangelischen Bibelwerkes im Rheinland mit Sitz in Wuppertal, Christoph Melchior. Dazu gehörten Justizvollzugsanstalten, Krankenhäuser und Schulen. In Deutschland lebende Ausländer können vom Bibelwerk Übersetzungen in ihrer Sprache bekommen. In Halle ist dagegen die Beschaffung des "Buches der Bücher" in den Hintergrund getreten. "Wir müssen die Bibel vielmehr wieder in die Köpfe kriegen", sagt der Leiter des "Canstein Bibelzentrums Halle", Walter Martin Rehahn. Gerade im Osten Deutschlands gebe es eine "verlorene Schicht", die mit der Bibel nie in Berührung gekommen sei. Aber auch in der alten Bundesrepublik registriert sein Kollege Melchior zunehmendes Unwissen. "Vor zehn Jahren konnte ich in Konfirmandengruppen 'Mose' sagen und sofort kamen die zehn Gebote oder der Auszug aus Ägypten", sagt er. Heute müsse er das in Schulen und Jugendgruppen, aber sogar auch in Konfirmandenkreisen erklären. Mit gezielten Jugendbibeln versuchen einzelne Bibelprojekte deshalb, die junge Generation mit jugendgemäßer Sprache wieder an die Heilige Schrift heranzuführen. So gibt es eine "Volxbibel" und eine "Twitterbibel". Die Deutsche Bibelgesellschaft wiederum plant im Herbst die Veröffentlichung des Neuen Testaments als mit kurzen Sätzen verständliche "Basisbibel", kündigt der Lektor des Projekts, Markus Hartmann, an. Die vier Evangelien gebe es bereits in dieser Form. Der Hallenser Rehahn setzt bei der Vermittlung der Bibel auch auf alle Sinne von Schülern. Besuchergruppen bekommen bei ihm Myrrhe und Matzenbrot zum Kosten. Die Neugier auf die Bibel werde damit gesteigert, ist sich der Theologe sicher. Zumindest könnten solche Aktionen das Aufnehmen der Bibeltexte erleichtern, sagt Markus Hartmann von der Bibelgesellschaft. Damit sei viel erreicht. "Aber das Nachdenken und Reflektieren der Texte, das kann man keinem abnehmen", betont der Lektor.