Eine Ruhe an diesem Sonnabend vor der Heidenauer Flüchtlingsunterkunft. So ruhig wie seit über einer Woche nicht mehr. Hinterm Parkplatz genießt eine syrische Familie die Sonne auf einer Decke. Zwei Mädchen toben im Gras, ein Junge schleicht ums Polizeiauto. Das einzige, das gerade vorm Eingang steht. "Wir erwarten eigentlich nichts", sagt eine Beamtin, "aber zu rechnen ist mit allem."

Karlsruhe kippt Verbot

Eine halbe Stunde später wird das Bundesverfassungsgericht im fernen Karlsruhe das Versammlungsverbot kippen, das das Landratsamt Pirna verhängt hat. Keine Veranstaltungen von Freitag, 14 Uhr, bis Montagfrüh um sechs, hatte es geheißen. Dann entschied das Oberverwaltungsgericht in Bautzen, dass das Willkommensfest des Bündnisses "Dresden Nazifrei" am Freitagnachmittag doch stattfinden durfte, zwischen 15 und 20 Uhr. Schließlich, am Sonnabend zur besten Einkaufszeit, kommt aus Karlsruhe der finale Urteilsspruch: Das Versammlungsverbot ist aufgehoben. Das Verbot umfasste die ganze Stadt. Aber gemeint ist vor allem der Parkplatz vor dem Baumarkt, der vor einer Woche zur zentralen Arena der Republik geworden ist.

Am Montag kam Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD). Am Mittwoch kam Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Hilfszusagen an Flüchtlinge und Kommunen. Am Freitag, zum Willkommensfest, kam Grünen-Bundeschef Cem Özdemir mit Streuselkuchen. Schöne Bilder gingen um die Welt - grillende Menschen, tanzende Menschen, Kinder mit neuem Spielzeug. Ein buntes Fest, aber nicht für alle. Als Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) kam, kippte die Stimmung. Ulbig wurde vom Hof gejagt.

Personalmangel bei der Polizei

Als am Freitag vor einer Woche Hunderte Neonazis in Heidenau ausrasteten, waren nur knapp 140 Polizisten im Einsatz. Wegen Personalmangel gab es nur eine Verhaftung. Inzwischen, heißt es aus dem Dresdner Innenministerium, liefen 30 Ermittlungsverfahren - dank diverser Internetvideos von den Ausschreitungen.

Personalnot auch an diesem Wochenende: Das Versammlungsverbot für Heidenau sei nötig gewesen, weil trotz Anfragen an andere Länder nicht genügend Beamte aufzutreiben waren. So sah das Landratsamt in Pirna "keine andere Möglichkeit als die Verfügung eines Versammlungsverbots für das Stadtgebiet Heidenau".

"Dresden Nazifrei" demonstrierte trotzdem, nur eben in Dresden. An die 1000 Leute fanden sich am Sonnabendnachmittag am Hauptbahnhof ein. Unter dem Motto "Schutz für Geflüchtete statt Verständnis für Rassisten", ging es dabei gegen die CDU-SPD-geführte Staatsregierung. "Die Saat von Pegida geht auf", so eine Sprecherin. "Die unsägliche Kumpanei mit dem alltäglichen Rassismus wird nur von der Ignoranz der Landespolitik übertroffen."

Spontan nach Heidenau

An der Demo in Dresden im Anschluss nahmen laut Polizei etwa 5000 Menschen teil. Danach nutzten etliche Demonstranten den Richterspruch aus Karlsruhe und fuhren weiter nach Heidenau. Die dort vom Jenaer Jugendpfarrer Lothar König initiierte Spontandemo wurde zu einem Fest mit über 400 Leuten. Die Gegenseite ließ sich diesmal nicht blicken. Allerdings fand die Polizei bei zwei Autokontrollen Pyrotechnik. Die Insassen der Autos rechnet die Polizei "dem Lager der Asylkritiker" zu. Jetzt ermittelt die Kripo.