Die Entscheidung sei gefallen, verlautete aus gewöhnlich zuverlässigen Quellen in Kiew.

Die Oppositionsführerin, die nach einem umstrittenen Schuldspruch seit mehr als zwei Jahren im Gefängnis sitzt, könnte sich damit einer Behandlung ihres chronischen Rückenleidens in Berlin unterziehen. Regierungsvertreter widersprachen dieser Darstellung auf Nachfrage nur halbherzig. Beschlossen sei noch nichts. Die vom Gesetz vorgeschriebenen Verfahren müssten eingehalten werden. Das sei kompliziert und zeitaufwendig.

Allerdings hatte Janukowitsch im April den Timoschenko-Vertrauten und ehemaligen Innenminister Juri Luzenko innerhalb kürzester Zeit durch einen Erlass begnadigt.

Timoschenko hatte sich am vergangenen Freitag über ihren Anwalt öffentlich dazu bereiterklärt, die Ukraine zu verlassen. Sie betonte aber: "Ich gehe nicht ins Exil und werde auch kein Asyl in Deutschland beantragen." Diese Klarstellung ist dem Oppositionslager besonders wichtig.

2015 stehen in der Ukraine Präsidentenwahlen an. Im Ringen mit dem autoritär regierenden Staatschef Janukowitsch will Timoschenko, die sich als Opfer einer politisch gesteuerten Justiz bezeichnet, an vorderster Front kämpfen. "Ich werde eine sehr aktive Rolle spielen und helfen, die Ukraine von dieser Diktatur zu befreien", ließ sie wissen.

Janukowitsch seinerseits wird alles unternehmen, eine Kandidatur seiner schärfsten Gegnerin zu verhindern. Timoschenkos Anwalt Sergei Wlasenko mahnte deshalb im RUNDSCHAU-Gespräch, die positiven Signale aus dem Präsidentenlager nicht vorzeitig für die Wirklichkeit zu halten. "Janukowitsch hat schon einmal eiskalt Wortbruch begangen. 2011 hat er europäischen Politikern in die Hand versprochen, den Fall Timoschenko durch eine Amnestie zu lösen. Er hat es nicht getan. Er spielt lieber politische Spielchen." Janukowitsch könne Timoschenko "innerhalb von fünf Minuten begnadigen", betonte Wlasenko, fügte aber hinzu: "Ich glaube das erst, wenn ich es schwarz auf weiß habe."

Hintergrund der möglichen Freilassung sind die Verhandlungen zwischen der Ukraine und der EU über eine enge politische und wirtschaftliche Anbindung. Ein Assoziierungsabkommen, das auch freien Handel vorsieht, ist fertig ausgehandelt. Es soll Ende November bei einem Gipfel im litauischen Vilnius unterzeichnet werden. Brüssel hat dafür demokratische Reformen in der Ukraine zur Bedingung gemacht. Zur Sollbruchstelle ist jedoch längst der Fall Timoschenko geworden. Die EU hat den Schuldspruch wegen angeblichen Amtsmissbrauchs wiederholt als politisch motiviert kritisiert.

Die nun erwartete Lösung des Streits geht auf eine Verhandlungsmission des EU-Parlaments zurück, die der polnische Ex-Präsident Alexander Kwasniewski und der Ire Pat Cox führen. Nach monatelangen Gesprächen haben die beiden Emissäre bei Janukowitsch am Freitag ein Gnadengesuch für Timoschenko eingereicht. Am Montag wollten sie sich in Krakau erneut mit dem ukrainischen Präsidenten treffen. In der südpolnischen Stadt sprachen auch die Staatschefs aus Deutschland, Italien und Polen mit Janukowitsch über den Fall Timoschenko. Ergebnisse wurden zunächst nicht bekannt. Bundespräsident Joachim Gauck könnte aber eine wichtige Rolle zufallen, da sich Deutschland bereit erklärt hat, Timoschenko für die Zeit ihrer medizinischen Be handlung aufzunehmen.