In seiner Fabrik stellt der 75-Jährige das traditionelle Palästinenser-Kopftuch her, die Keffijeh. "Einstmals liefen hier 15 Webmaschinen 20 Stunden am Tag, jetzt sind nicht mehr als vier Maschinen in Betrieb, und zwar nur acht Stunden täglich", klagt er. Der Einstieg chinesischer Firmen in die Produktion des schwarz-weiß karierten Widerstandssymbols hat ihm das Geschäft verdorben. Als Hirbawi 1961 seine Keffijeh-Fabrik eröffnete, war das Tuch nichts weiter als ein Kleidungsstück. "Es ist unsere Nationalkleidung", erzählt er in seiner schlecht beleuchteten und fast leeren Lagerhalle. "Im Sommer sieht man sie nicht so häufig, aber im Winter tragen sie alle, weil sie schön warm hält", sagt Hirbawi und schiebt sich die Ränder seiner eigenen Keffijeh aus dem Gesicht.

Tuch wurde zur Marke
Der verstorbene Palästinenserpräsident Jassir Arafat machte das schwarz-weiße Kopftuch zum Symbol des palästinensischen Kampfes und zu einer Marke. Jahrzehntelang trug er das Tuch und nahm es nicht einmal bei seinem historischen Auftritt vor der UN-Vollversammlung im Jahr 1974 ab. Bei Arafats Beerdigung vor vier Jahren bedeckten seine Anhänger den Sarg mit dem traditionellen Kleidungsstück. Demonstranten und Protestler weltweit, Anhänger der Friedensbewegung und Autonome aus dem Schwarzen Block hüllten sich im Lauf der Jahrzehnte in das "Palästinensertuch" und entkleideten es immer mehr seiner ursprünglichen Symbolik. Inzwischen ist das Tuch ein Accessoire des urbanen Modechic mit einem leicht subversiven Touch geworden.
Während Hirbawi seine Tücher für umgerechnet 3,50 Euro verkauft, gingen die als "Anti-Kriegs-Schals" vermarkteten Tücher bei der hippen US-Modekette Urban Outfitters für das vierfache über den Ladentisch. Zu Jahresbeginn zog die Firma ihre Tücher allerdings zurück, weil pro-israelische Gruppen dagegen protestierten. Als dann im Mai in einer US-Anzeige für ein Donuts-Café ein ähnlicher Schal zu sehen war, protestierte eine konservative Kolumnistin gegen "Dschihad Chic" und "Hass Couture".
Hirbawi lacht nur, wenn seine Tücher als Terroristenkleidung bezeichnet werden: "In Italien tragen Frauen die Keffijeh als Schal. Sind diese Leute Terroristen?" Vielmehr sorgt er sich um seinen Umsatz. "Heutzutage ziehen die Kunden, besonders die Ausländer, die importierten Tücher vor", sagt Hirbawi während er sich mit dem Tabak aus einer Silberschatulle eine Zigarette dreht. "Nur Gott allein weiß warum. Sie sollten lieber bei uns kaufen und die lokale Wirtschaft unterstützen."

Die Nachfrage bedient
Seit ihrem Aufstieg in den 1990er-Jahren überschwemmt die chinesische Wirtschaft auch die Palästinensergebiete mit ihren Produkten. Und als das Leben und die wirtschaftlichen Bedingungen für die Palästinenser mit Beginn der zweiten Intifada im Jahr 2000 immer schwieriger wurden, nutzen die chinesischen Keffijeh-Imitatoren ihre Chance und bedienten die Nachfrage nach den modisch gewordenen "Palis".
Doch die Krise der palästinensischen Keffijeh-Weber ist nicht nur eine Folge der asiatischen Produktpiraten. In den engen Gassen der Altstadt von Hebron verkaufen Händler neben den schwarz-weiß karierten Tüchern auch Palästinenser- Flaggen oder armenische Keramik als Souvenirs an Touristen. Einer von ihnen ist der greise Dschihad Abu Rumila. Er sitzt vor seinem Laden und erzählt, dass auch viele Palästinenser modische Klamotten dem traditionellen Tuch vorziehen. "Die jungen Leute nehmen lieber Haargel", sagt er.
Für Rumila ist das unverständlich. Er hüllte sich schon in das Tuch, bevor der Nahostkonflikt überhaupt existierte. "Ich bin 90 Jahre alt, und ich habe mein ganzes Leben lang die Keffijeh getragen", erzählt er. "Es ist ein Teil von meinem Kopf."