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| 01:06 Uhr

Haustiere überlasten Heime der Region

Laufen, spielen, rumtollen: Susann Viol sorgt im Tierheim Druschke in Langengrassau für das Wohl der Tiere.
Laufen, spielen, rumtollen: Susann Viol sorgt im Tierheim Druschke in Langengrassau für das Wohl der Tiere. FOTO: Foto: Ratajczak
Schätzungsweise 22 Millionen Haustiere, vor allem Hunde und Katzen, leben in deutschen Haushalten. In der Urlaubszeit stehen Frauchen und Herrchen vor der Frage: Wohin mit den vierbeinigen Freunden? In Tierheimen und Tierpensionen der Region herrscht in der Ferienzeit Hochbetrieb. Von Wolfgang Swat

Helga Druschke, Leiterin des Tierheimes in Langengrassau und Vorsitzende des Tierschutzvereins Luckau und Umgebung, merkt an der Belegung des Heimes und der Tierpension, wann es die Leute der Region in ferne Gegenden zieht. In dieser Zeit sind ihre Platzkapazitäten ausgeschöpft. Etwa ein Drittel mehr an Hunden, Katzen, Meerschweinchen und anderen Lieblingen der Menschen muss sie dann aufnehmen und betreuen. Sie macht es gern, aber nicht immer freiwillig. „Ich beobachte schon, dass einige Besitzer ihre Tiere gern loswerden wollen“ , sagt sie. Ein wenig schmunzelnd stellt sie fest, dass es in Urlaubszeiten überraschend viele Wohnungswechsel zu vermeintlich tierfeindlichen Vermietern, Allergien gegen das jeweilige Haustier, Ehescheidungen oder angeblich zugelaufene Tiere gibt.
Vor allem mit der Ausrede von den zugelaufenen Katzen und Hunden wollen die Besitzer ihre einstigen Freunde kostengünstig „entsorgen“ , stellt auch Verena Winkel, Tierpflegerin im Tierheim in Cottbus fest. Herrenlose Tiere werden nämlich kostenlos abgenommen. Die Abgabe unerwünschter Haustiere von Besitzern in die Heime kostet dagegen einige Euro.

Unterschiedliche Heimkapazitäten
In Cottbus müssen Frauchen oder Herrchen dafür bei Katzen 65 Euro plus eventuelle Impfkosten bezahlen, für Hunde je nach Größe bis zu 156 Euro. In Langengrassau bei Luckau liegen die Preise zwischen 50 und 100 Euro. Es sei in der Regel schwer, festzustellen, ob die Tiere wirklich zugelaufen sind oder man sie nur billig loswerden wolle, um die Urlaubskasse zu schonen, räumt Verena Winkel ein. „Wenn es keinen anderen Weg gibt, nehmen wir die Tiere“ , sagt sie. „Dass Tiere hier einfach ausgesetzt werden, ist zum Glück nicht so krass wie etwa in Berlin und anderen großen Städten. Vielleicht sind die Cottbuser doch tierlieber“ , meint sie.
Hamburger Tierschützer beklagen beispielsweise, dass gut 70 Prozent der Tiere, die in den Heimen betreut werden, zwischen Juni und September gebracht werden. Zwei Drittel sind ausgesetzt, die anderen aus familiären oder beruflichen Gründen abgegeben worden. Die Statistik des deutschen Naturschutzbundes sagt, dass 60 Prozent der Hunde und 40 Prozent der Katzen, die jedes Jahr in Tierheimen aufgenommen werden, Urlaubstiere sind.

Tiere aus dem Auto geworfen
Peter Vater, Vorsitzender des sächsischen Landestierschutzbundes und Leiter des Tierheimes in Görlitz, beobachtet seit Jahren „einen Urlaubstrend bei der Abgabe und dem Aussetzen von Tieren“ . Das städtische Heim in Görlitz sei vor allem wegen der Grenznähe zu Polen schon jetzt überfüllt. „Leute, die Tiere loswerden wollen, tun das in aller Regel nicht im eigenen Ort. Dort könnten Nachbarn Hund oder Katze ja wiedererkennen. Die Tiere werden einfach irgendwo weit weg aus dem Auto geworfen oder in Wäldern festgebunden“ , berichtet der engagierte Tierschützer über Praktiken, für die er überhaupt kein Ver ständnis hat. Erst kürzlich hat Vater einen zehn Jahre alten Schäferhund im Heim aufgenommen, der von Spaziergängern im Wald angeleint gefunden worden war – schon halb verhungert und verdurstet. Und zu Pfingsten seien drei ausgesetzte Hunde an einem Tag gefunden worden, erinnert er sich. Da die Sommerferien erst begonnen haben, fürchtet Vater jetzt sogar noch einen Anstieg. Dabei verfüge Sachsen mit 43 Tierheimen über ausreichend Kapazitäten.
Nicht ganz so günstig wie in Sachsen sieht es mit Tierheimen in Brandenburg aus. Nach Angaben des Tierschutzbundes betreuen die zwölf regionalen Tierschutzvereine insgesamt 25 Heime. In der Lausitz und im Elbe-Elster-Land sind es sieben. Hinzu kommen zwei Auffangstationen im Spreewald, die herrenlose Tiere vor allem in das Heim nach Langengrassau vermitteln. Die Tierschützer in Sachsen-Anhalt betreuen hunderte Zwei- und Vierbeiner in 27 Heimen.
Brandenburgs Agrar- und Umweltminister Wolfgang Birthler, der heute für die Fertigstellung eines neuen Tierheimes in Cottbus knapp 63 500 Euro aus Lottomitteln übergibt, verweist auf die erheblichen Anstrengungen, die in den vergangenen zehn Jahren unternommen wurden, um die Bedingungen zu verbessern. Schon im Jahre 2000 – zu Beginn des Tierheim-Neubaus in Cottbus – hatten die Lausitzer 128 000 Euro erhalten. Insgesamt flossen seit 1992 aus dem Lottomittelfonds des Agrar- und Umweltministeriums 610 000 Euro zur Unterstützung der Tierschutzvereine. Vor zehn Jahren gab es im Land lediglich ein funktionsfähiges Tierheim.
Die Pfleger können an den Belegungen in den Heimen und dem Alter der Tiere recht gut Entwicklungstendenzen ablesen. „Wir erhalten jetzt viele Katzenbabys, weil die Haustierhalter Elterntiere einfach nicht sterilisieren oder kastrieren lassen. Sie denken nicht daran, verpassen den Zeitpunkt oder scheuen die Tierarztkosten“ , schätzt Gertraude Engler vom Tierschutzverein Kamenz/Bautzen ein.

Andere Interessen
Eine Ausrede ist für die Besitzer unter anderem die Behauptung, bei einem Wohnungsumzug habe der Vermieter die Mitnahme der Katzen verboten. „Die gehören zu Kleintieren. Gegen ein Halten in der Wohnung darf ein Vermieter gar nichts einwenden“ , so Tierschützerin Engler. Helga Druschke vom Tierheim in Langengrassau beobachtet, dass besonders drei bis fünf Jahre alte Hunde nicht mehr in den heimischen Haushalten willkommen sind. „Mit zehn, zwölf Jahren war der Wunsch bei Kindern nach einem eigenen Hund groß. Jetzt, älter geworden, haben die Heranwachsenden besonders mit Ferienbeginn andere Interessen“ , nennt sie Gründe.

Planung auch für die Tiere
Zur Urlaubsplanung gehört nach Ansicht von Wolfgang Apel, Präsident des Tierschutzbundes in Deutschland, auch die Beantwortung der Frage, ob Hund Hasso mit ins Ferienappartement kommt, die Nachbarin die Kater Kasi und Purzel betreut oder den Fischen regelmäßig etwas Futter ins Aquarium streut. Seit zehn Jahren wirbt der Bund mit der Aktion „Nimmst du mein Tier, nehme ich dein Tier“ für die Selbsthilfe unter Tierfreunden. „Wir wissen nicht wie es wäre, wenn die Aktion nicht laufen würde“ , sagt der Tierschutz-Präsident. Es gäbe wohl mehr als die gegenwärtig etwa eine Viertelmillion Tiere, die jedes Jahr aus Egoismus, Geldknappheit, Geiz oder Gleichgültigkeit ausgesetzt werden.
Die Möglichkeit, ihre Lieblinge während des Urlaubs in Pensionen unterzubringen, gibt es überall, ob in Cottbus, Langengrassau oder Görlitz. Auf das eine oder andere Bier auf Mallorca, Ibiza, Mykonos oder anderswo muss man dann allerdings unter Umständen verzichten. Je nach Tier und Pflegeumfang kosten Unterkunft und Verpflegung in Tierpensionen der Region zwischen vier und zwölf Euro pro Tag. Dort allerdings können auch die Vierbeiner den Urlaub genießen.