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Hass, Bedrohung und Manipulation

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Cottbus. Das Internet und die sozialen Medien haben die öffentliche Diskussion grundlegend verändert. Es gibt mehr Vielfalt, aber auch mehr Hass und Lüge. Simone Wendler

Als sich vor einiger Zeit Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Ost-Ministerpräsidenten in Bad Muskau traf, gab es für einige Besucher der RUNDSCHAU-Facebook-Seite kein Halten mehr. In den Kommentaren unter dem Bericht über die Visite der Kanzlerin fanden sich Einträge wie "Drecksvotze", "verpiss dich, Kriegstreiberin" oder "die soll zu ihre beschissene Flüchtlinge fliegen" (Originalgrammatik).

Derartiger verbaler Unflat ist inzwischen bundesweit bei Internetaktivitäten klassischer Medien Alltag. Um die Hass- und Pöbelflut unter Kontrolle zu behalten, sind Zeitungen, Zeitschriften und Sender dazu übergegangen, nur noch einen Teil ihrer Veröffentlichungen zur Kommentierung freizugeben. Denn Konsequenzen müssen die Verursacher solcher Einträge kaum fürchten.

Erst wenn sie zu Straftaten aufrufen oder konkrete Bedrohungen veröffentlichen, wird die Justiz aktiv. Ein Mann, der auf Facebook die Grünenpolitikerin Claudia Roth nicht nur beschimpfte, sondern auch dazu aufrief, sie "aufzuhängen", muss dafür 4800 Euro Strafe zahlen.

Ob Hass im Netz insgesamt zugenommen hat, darüber sind sich Fachleute nicht einig. "Gefühlt ja, aber ich kenne keine belastbare Statistik dazu", sagt Dietmar Janetzko, Professor für Wirtschaftsinformatik und Online-Forschung an der Cologne Business School (CBS) in Köln. Einig ist er sich aber mit vielen anderen Experten, dass die Distanz des Internets enthemmend wirkt.

Wegen des fehlenden Sichtkontaktes mit dem Gegenüber ist Netzkommunikation für Ulrich Wagner immer "eingeschränkte Kommunikation". Wagner ist Professor für Sozialpsychologie an der Universität Marburg. "Die Live-Reaktion des Gesprächspartners steuert üblicherweise als Rückmeldung unser Verhalten", sagt Wagner. Im Internet fehle diese jedoch.

Ein Beleg dafür scheint das Erlebnis der Grünen-Politikerin Renate Künast zu sein. Zusammen mit einer Reporterin des Nachrichtenmagazins "Spiegel" besuchte sie unangemeldet Menschen, die sie bei Facebook übel beschimpft hatten. Im direkten Kontakt mit Künast waren viele Pöbler kleinlaut.

Für den Marburger Sozialpsychologen Wagner geht es vielen von ihnen oft weniger um die direkte Beschimpfung, sondern um Bestätigung durch andere: "Diese Leute wollen nicht wissen ob, sondern nur dass sie recht haben, und das schaukelt sich hoch."

Analysen zeigten jedoch, dass es in der Netzgemeinde oft nur relativ wenige Meinungsführer gebe. Inzwischen käme noch das Problem der Sozial Bots hinzu (siehe Infobox), die eine Aktivität vieler Nutzer vortäuschten.

Für gefährlich hält Wagner schon heute den Einfluss von Hasskampagnen und anonymen Beschimpfungen im Netz, wenn es weniger prominente Politiker trifft: "Da treten Bürgermeister zurück, andere kandidieren nicht." Manche Kommunalpolitiker trauten sich vielleicht nicht mehr, ihre Meinung offen zu äußern, weil sie massive Angriffe befürchteten. Das sei beunruhigend, so Wagner.

Dabei stehen hinter vielen ähnlich lautenden Kommentaren und zustimmenden Likes längst nicht immer unabhängige Meinungsäußerungen Einzelner. Dietmar Janetzko, der Kölner Professor für Wirtschaftsinformatik, hat sich vor allem mit dem Kurznachrichtendienst Twitter beschäftigt. Klicks, Likes, Twitter-Konten, manipulativ agierende Software, alles das gebe es inzwischen zu kaufen, legal und illegal, versichert er.

Über ein Bot-Netz könne ein Administrator mehrere Tausend Twitter-Accounts steuern und damit Tausende Tweets pro Tag absetzen, erklärt Janetzko. Dabei gehe es nicht notwendigerweise darum, direkt Propaganda zu verbreiten. Die Aufmerksamkeit für Themen könne jedoch beeinflusst werden.

Bestimmte Hashtags (Schlagworte) könnten durch Bot-Netze in der Wahrnehmung weit nach vorn gebracht, vermeintlich gegnerische Begriffe durch Spam ins Abseits gedrängt werden. Oft sei das Ziel solcher Aktivitäten auch einfach, Verwirrung zu stiften oder die Erregung über ein Thema hochzuhalten, sagt Janetzko. In Wahlkampfzeiten könnten solche Mechanismen dazu führen, bestimmte Themen "hochzudrehen" und andere ins Abseits zu drängen.

In einer bestimmten Region können schon einige Hundert Facebook-Mitglieder durch die schnelle Weiterverbreitung einer Falschmeldung für Aufruhr sorgen. Im Januar 2016 wurden auf diesem Wege in der Lausitz drei Fälle von angeblichen sexuellen Übergriffen durch Asylbewerber in Umlauf gebracht. Wegen der großen Aufmerksamkeit im Netz berichtete auch die RUNDSCHAU darüber. Zeugen, geschweige denn Tatverdächtige wurden jedoch nicht gefunden.

Die Bundesregierung versucht nun, mit einem umstrittenen Gesetz gegen Hass und Hetze vorzugehen. Anfang Juli lhat der Bundestag das Gesetz beschlossen. Danach sollen Unternehmen wie Facebook dafür sorgen, dass strafrechtlich relevante Inhalte zeitnah gelöscht werden.

Wirtschaftsverbände, Wissenschaftler und Journalisten fürchten, dass dabei mehr als nötig gelöscht wird, was die Meinungsfreiheit einschränke. Sie fordern eine Gesamtstrategie gegen Hass und absichtliche Falschmeldungen unter Wahrung der Meinungsfreiheit.

Auch für Professor Ulrich Wagner gehört die Entscheidung, was strafrechtlich relevant ist, in die Hand von Gerichten, nicht von Firmen. Für Medienunternehmen empfiehlt er, das Format des klassischen Leserbriefs im Digitalen zu nutzen. Das bedeute, nur wer Name, Adresse und eine Telefonnummer zur Überprüfung seiner Identität hinterlässt, darf kommentieren. "Das würde die Diskussion im Umfang sicher einschränken, qualitativ aber verbessern", so der Psychologe.

Wagner hofft, dass der Ton im Netz sich wieder zivilisiert: "Es muss in einer Demokratie möglich sein, völlig konträre Positionen vorzutragen, ohne die andere Seite fertigzumachen."

Für seinen Kollegen Dietmar Janetzko aus Köln ist auch ein Selbstreflexionsprozess der klassischen Medien überfällig. Wenn Ereignisse, wie die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht 2015/16 in Köln nicht gleich aufgenommen würden, spiele das bestimmten Echo-Kammern im Netz in die Hände.

"Insgesamt brauchen wir eine Versachlichung der ganzen Diskussion", so Janetzko. Polemisch aufgeladene Begriffe wie "fake news" sollten gänzlich vermieden werden. Der Sozialpsychologe Ulrich Wagner hat noch einen anderen Rat: "Wir können auf Dauer nicht nur über das Netz kommunizieren, wir müssen uns ab und zu auch mal in die Augen sehen."

Zum Thema:
Botnetze: Der Begriff Bot kommt von "Roboter". Er bezeichnet automatisch arbeitende Computerprogramme. Dafür können Rechner mittels einer Schadsoftware gekapert werden. Die Rechner können dann von den Urhebern des Angriffes ferngesteuert genutzt werden, ohne dass der Besitzer des Rechners das bemerkt.
Social Bots: In sozialen Medien werden automatisierte Programme als Bots eingesetzt, um zum Beispiel bei Twitter auf bestimmte Hashtags zu reagieren und vorher programmierte Antworten abzusetzen. Dazu werden echt wirkende Accounts geschaffen. Untersuchungen aus den USA gehen davon aus, dass solche Bots im Präsidentschaftswahlkampf eingesetzt wurden. Weil Außenstehende nicht erkennen können, ob hinter solchen Tweets eine reale Person oder eine Maschine steht, gelten Social Bots als Gefährdung für den Meinungsbildungsprozess in einer Demokratie.
Positiv eingesetzte Bots: So genannte Chat-Bots beantworten automatisiert Fragen von Nutzern, zum Beispiel auf Seiten von Onlineshops. Auch auf Facebook wird es in Zukunft vermehrt Chatbots auf Unternehmensseiten geben.
Glaubwürdigkeit: Klassische Medien genießen noch immer eine sehr hohe Glaubwürdigkeit bei den Bürgern. Das belegt eine repräsentative Studie von infratest dimap aus 2016. Danach genießen öffentlich-rechtlicher Rundfunk und Tageszeitungen eine Glaubwürdigkeit zwischen 65 und 74 Prozent. Dem Internet allgemein traut nur jeder Dritte. Soziale Medien spielen als glaubwürdige Informationsquelle nur für acht Prozent der Befragten eine Rolle.